DEBALZEWO: WENN KINDER ZU GEISELN WERDEN

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DEBALZEWO: WENN KINDER ZU GEISELN WERDEN

Sie haben sich fast 3,5 Monate nicht gesehen. Bereits Anfang Januar, als Debalzewo von den ukrainischen Streitkräften besetzt war, hat die Stadtverwaltung vorgeschlagen, die Kinder in den die Winterferien in ein Sanatorium in der Nähe von Dnepropetrowsk zu schicken. Die Eltern stimmten zu. Ohne zu ahnen, dass man sie dadurch voneinander trennen will. Für eine lange Zeit.

Eine Mutter:
,,Am 22. hat uns General Ambroskin versammelt und gesagt, dass man die Kinder nicht zurückbringen wird. Das war alles. Danach haben wir sie nicht mehr gesehen. Die Psychologen fingen an, mit den Kindern zu arbeiten. Sie haben versucht, ihnen einzureden, «eure Häuser sind zerstört, euer Donbass ist hungrig und kalt, eure Eltern sind Obdachlose…»

Eine andere Mutter:
,,Mein Kind mich hat angerufen und mir gesagt, dass man dabei ist, sie alle schon ins Internat zu stecken. Sie fragte mich: «Mama, was für ein Internat?! Uns hat doch keiner verlassen und weise sind wir auch nicht…»

Man hat den Eltern vorgeschlagen, in das Gebiet Dnepropertrowsk zu fahren und die Kinder selbst abzuholen. Aber dafür braucht man eine Erlaubnis, um am ukrainischen Blockposten vorbeizukommen. Und um diese zu bekommen, braucht man ca. 2 Monate. Außerdem hatten die Bewohner von Debalzewo Angst, dass man sie dann einfach nicht mehr zurückfahren lässt.’

Ein Mann:
,,Ein paar Leute wollten damals beruflich aus Artjomowsk rausfahren. Aber das dürfen sie bis heute nicht.»

Erst mit Hilfe der Repräsentanten des Roten Kreuzes und der Menschenrechtsbevollmächtigen der Donezker Volksrepublik konnte man die Rückgabe der Kinder erreichen. Bis zum langersehnten Treffen bleiben nur noch wenige Minuten. Alles erinnert an die Prozedur eines Gefangenenaustauschs: Eine Straße im Westen von Donezk. Eine Kolonne auf der einen, eine andere auf der anderen Seite.

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Die Übergabe der Kinder erfolgt auf einem neutralen Boden zwischen zwei Blockposten. Dort ist der ukrainische, dort — vom Widerstand. Nach einer 3monatigen Trennung sind die Kinder wieder bei den Eltern.

Eine Mutter zu ihrem Mädchen:
«Hör auf zu weinen. Alles gut. Warum weinst du denn?»

Umarmungen, Lächeln und Tränen der Kinder. Sie wollen so viel erzählen, aber das ist nicht der beste Ort für eine Unterhaltung. Die Eltern unterschreiben Dokumente, dann geht’s in die Autos und zurück. Darüber, was sie in diesen 3 Monaten alles durchmachen musste, erzählen die Kinder schon im Bus.

Ein Junge:
,,Seine Verwanden, seine Bekannten. Man will sie alle unbedingt wiedersehen. Wir haben sie alle sehr vermisst.»

Ein Mädchen:
,,Man hat einen ganzen Monat lang mehrmals versprochen, uns zurückgehen zu lassen. Aber es hat nie geklappt. Sie sagten uns zum Beispiel «wir kommen morgen» und kamen nicht. Man hat die Kinder beruhigt, sogar Baldrian gegeben, weil die Kinder so sehr geweint haben und nach Hause wollten. Auch die Erwachsenen haben geweint».

Diese Kinder haben zwar alles hinter sich gebracht, aber ihr Herz findet keine Ruhe. Im Gebiet Dnepropetrowsk sind noch 3 weitere Kinder aus Debalzewo geblieben. Ihre Ziehmutter Swetlana Schipowalowa ist zu ihnen gefahren, da sie Angst hatte, dass man sie einfach nicht zurückgibt. Weil sie für diese Kinder eine Adoptivmutter ist und keine leibliche. Die Kinder sind 8, 9 und 10 Jahre alt sind und fühlen sich wie Geiseln. Per Telefon konnten wir uns mit Swetlana Schipowalova in Verbindung setzen. Sie wurde vor die Wahl gestellt.’

Swetlana Schipowalowa (am Handy):
,,Ich habe kein Recht auf Ausreise. Wenn ich der nächsten Zeit nicht auf dem Territorium der Ukraine bleibe, also mit den Kinder abreise, kommen die Kinder in fremde Familien.»

Eine Frau:
«Für die Kinder wird es in erster Linie ein großes psychisches Trauma sein, zu neuen Eltern zu ziehen. Zudem droht man ihr schon, dass die Kinder ab Montag zu den neuen Familien kommen. Man schlägt ihr vor, in Dnepropetrowsk eine Wohnung zu mieten, um dort dann mit den Kindern zu leben. Doch weil sie keine Mittel zum Leben hat, wird man ihr die Kinder dann wegnehmen. Und laut unserer ukrainischen Gesetzgebung wird man in der Lage sein, ihr innerhalb einer Woche die Kinder wegzunehmen. Weil sie sie nicht ernähren kann.»

Swetlana bleibt vorerst im Kinderheim. Man hat ihr erlaubt, in der Nähe der Kinder zu blieben. Wie lange, ist jedoch unklar. Die Eltern, die es geschafft haben, ihre Kinder zurückzubekommen, sehen jetzt als ihre Aufgabe an, Swetlana zu unterstützen und ihr zu helfen, nach Hause zurückzukehren. Gemeinsam mit den Kindern.

***

Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.