DIE «GRAD»-WANDERUNG (TEIL 2)

0
93

REMEMBERS Reisebericht

Von Reportern der «Freien Presse» und ehrenamtlichen Helfern. Für Donbass. Gegen Genozid.

 

Bitte einsteigen: Schachtjorsk – Lugansk — Perwomajsk

Wir steigen ins Auto und fahren weiter. Wir fahren auf einer absolut leeren und dunklen Landstraße. Eine der jungen Frauen zeigt uns den Weg. Sie ist Studentin der Lugansker Nationalen agrarwirtschaftlichen Universität, wie es sich herausstellt. Ab und zu, wenn wir wieder mal in eine der Straßen einbiegen, scherzt Julia nervös:

PayPal

„Pass auf, dass du uns nicht zu den Ukrainern bringst.“

192

Ich versuche Julia auszufragen, die Dienstbeauftragte für die Presse bei der Stadtkommandantur ist. Obwohl es nicht so einfach ist, eine Konversation duckend sitzend zu führen. Die junge Frau erzählt über das Leben in Schachtjorsk und über die finanzielle Unterstützung, die den Menschen mit Behinderungen und den Müttern zukommt:

„Wir sind in einer katastrophalen Situation. Russland hilft uns natürlich aber… Das Einzige, was wir vom Ministerium für die Ausnahmenzustände zugesandt bekommen haben, war nur Schiefer. Wir helfen, die zerstörten Häuser wieder her zu richten – das stimmt. Wir können aber nicht mit den Nahrungsmitteln helfen. Die „Russische Gemeinde“ ist die einzige, die uns mit Nahrungsmitteln versorgt, mit deren Hilfe wir die Armenküche errichtet haben, um die Einwohner in Not zu versorgen.“

Julia erzählt uns, dass es momentan möglich ist, Arbeit in Schachtjorsk zu finden.„Die Stadt kommt wieder zu sich, die Bergwerke sind wieder in Betrieb, auch die illegalen Schachten. Jemand, der unbedingt eine Arbeit finden will, wird sie auch finden.“

Die Kindergärten und Schulen sind wieder geöffnet, die Polizei regelt ihre alltägliche Arbeit wieder her:

„Wir hatten natürlich schon immer Polizei, aber offiziell wurde sie erst vor ein paar Monaten bzw. vor einem Monat gegründet. Gott sei Dank, die Kriminalität ist unter Kontrolle. Es gibt keine Morde oder Ähnliches bei uns. Es kommen nur unbedeutende Diebstähle vor. Ich habe vieles erlebt. Ich kam auch unter die Beschüsse und dachte, dass ich da nicht mehr rauskomme. Sie hatten uns einfach umzingelt. Die ukrainische Armee war es. Genau zu der Zeit waren Zschar und Zachartschenko dort. Prachtkerle — sie kämpften für Schachtjorsk. Gott sei Dank, jetzt ist es alles zu Ende, jetzt ist es mehr oder weniger ruhig geworden.»

IMG_20141119_134917

 

Vom Glück im Unglück, Tod und Verlust

Wir fahren am nächsten Tag aus Lugansk nach Perwomajsk. Alchewsk und Stachanow liegen auf unserem Weg. Wir halten am Blockposten vor Perwomajsk an. Hier, vom Hügel aus, ist die ganze Stadt leicht zu überblicken. Hier ist auch die Frontlinie. Ich hatte noch nie die Möglichkeit, dem Krieg so nah zu sein.

Wir fahren in die Kommandantur und lernen den Kosakenanführer und den Kommandanten der Stadt Ewgenij Ischenko kennen. Danach fahren wir alle zusammen in die Stadtteile von Perwomajsk, die durch die ukrainischen „Grad“-Raketen zerstört wurden.

Es gibt so viele Geschichten, die während dieses Krieges gefilmt, erzählt und gezeigt wurden. Und sie alle handeln immer um das Gleiche: Menschliche Unglücke, Verluste, Tod, aber auch glückliche Zufälle. Wir sehen jetzt das, was wir früher in den Fremdaufnahmen gesehen hatten. Wir sehen das, was zum schrecklichen Alltag hier wurde und was hier niemanden mehr schockiert.

Wir sehen zerstörte Häuser in den Wohngebieten, obdachlos gewordene Menschen, ältere Frauen, die zum Einbruch des Winters ihre Häuser verloren haben und in die Keller der Hochhäuser umziehen mussten. Und diese riesigen Splitter des glänzenden und kalten Metalls an den unerwartendsten Stellen auf Privatgrundstücken.

IMG_20141119_080337

 

Der ganz normale Wahnsinn: Kriegsalltag in Perwomajsk

Die Menschen versuchen trotz all dem ihr Leben zu ordnen: Die Mitarbeiter der Stadtversorgung verlegen die Leitung. Nebenan richtet ein Mann einen Zaun wieder her. Und ein älterer Mann, dessen Haus von 2 Granaten zerstört wurde, erzählt mir über einen Ofen, den er selbst gebaut hat. Diese Geschichte ist genau die eine von den glücklichen Zufällen. Eine Granate ist über ihn und seine Frau geflogen, als sie Fernsehen geschaut haben. Ihr Sohn hatte Glück, denn er war zum Rauchen rausgegangen, als die zweite Granate in ein kleineres Zimmer flog, wo er in dem Moment am Computer hätte sitzen sollen. Ob sie immer so viel Glück hatten? Schließlich wurde Perwomajsk danach so oft beschossen…

Wir sehen, wie Menschen neben den halbzerstörten 9stöckigen Häusern ihre Keller auf die nächsten Beschüsse vorbereiten. Ein junger Mann, der aus der Gegend stammt, erzählt uns über Perwomajsk. Er erzählt, wie ein kleiner Junge versprach, Poroschenko in den Keller hineinzujagen und „drohte“ noch dazu, ihm keine Sonnenblumenkerne zu geben.

„Leute sitzen in den Kellern und essen die Sonnenblumenkerne, denn man kann nichts anderes tun. Somit sind die Sonnenblumenkerne ein Mangelware“- erklärt uns der Mann die Drohung des Jungen.

IMG_20141108_144347

 

«Hier würden die Leute auch mit Messern hinter deren Panzern her laufen»

Wir kehren in die Kommandantur zurück, wo eine Atmosphäre herrscht, wie in einem revolutionären Bunker. Dort befinden sich viele bewaffnete Menschen — unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Uniformen. Etwas später tauchen auf einmal Journalisten auf, wahrscheinlich aus Belgien. Zwei Frauen und ihr Übersetzter. Und ein Widerstandkämpfer erzählt den Europäern die Kriegsgeschichte von Perwomajsk:

„Sie hielten vor Perwomajsk an. Sie haben versucht, nach einem massiven Beschuss mit der Infanterie reinzugehen. Ich habe genau beobachten können, wie der Beschuss begann: Es traf ein Haus nach dem anderen. Sie haben dann nach dem ersten Beschuss, der 2 Stunden andauerte, versucht, mit ihrer Infanterie reinzugehen. Man hat die Infanterie ein wenig beschossen. Danach sind sie sofort gegangen. Nach ein paar Tagen Pause wollten sie wieder rein.

Nach derartig schrecklich massiven Artilleriebeschüssen schicken sie immer ihre Infanterie los. Und eine Minute später kommen dann die Panzer. Hier bei uns ist ein Panzer einen Kilometer weit in die Stadt reingefahren. Er drehte allerdings zurück, als er gesehen hatte, dass einer der Widerstandskämpfer mit einem Panzerabwehrgewehr hinter ihm her lief. Er hat wohl verstanden, dass sie diese Stadt nicht einfach so einnehmen werden. Hier würden die Leute auch mit Messern hinter deren Panzern her laufen. Und das war´s – sie haben sich von hier aus nicht mehr weiter bewegt.“

Wir hören lauten Lärm, irgendwo in der Nähe fängt ein Beschuss an. Kurz darauf wird über ein Funkgerät durchgegeben, dass eine „Grad“-Rakete einen Blockposten getroffen hat. Diesmal gibt es keine Verletzten. 

IMG_20141108_100437

 

Wir verlassen die Stadt, nachdem unsere Freunde, die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die auf sie auferlegte Aufgabe erfüllt haben. Sie haben nämlich die Lieferungen der humanitären Hilfe für die Armenküchen der Stadt vereinbart und den Apell des Kommandanten über die humanitäre Katastrophe in Perwomajsk aufgezeichnet.

Es wird dunkel. Ein Kosak am Blockpost fragt Kostjan in so einem Ton, in dem man in Moskau nach Feuer fragen würde:

„Hättet ihr einen Büchsenlauf für ein 7.62-Gewähr? Ihr hättet es uns besorgen können! Nein? Schade.“

Ihr wollt uns helfen, das #Überleben von Kindern, ihren Familien sowie von kranken und alten Menschen in Donbass zu sichern? Sehr gerne. Und vielen herzlichen Dank schon im Voraus dafür. Alle Infos zu unserer aktuellen Winter-#Spendenaktion hier: http://remembers.achtungpartisanen.ru/hoffnung-schenken-uber-leben-retten/

 

Deutsche Version:

@REMEMBERS & Marina Filatova

 

***

Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie. 

 

IMG_20141108_144402