DIE KINDER VON DONBASS

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Exklusiv-Interview von Mark Bartalmai — einem unabhängigen Journalisten aus Deutschland.

«Ich möchte nach Hause.
Nastja und Katja reden. Sie reden, als gäbe es kein Morgen mehr. Ihre Seelen werden für einen Augenblick leichter. Jemand hört zu. Wir stellen nicht viele Fragen, und es beginnt mehr und mehr aus ihnen herauszufließen – als hätte jemand eine unsichtbare Schleuse geöffnet. Ich höre von ihren Freunden und wie sehr sie sie vermissen und nicht wissen, wo sie sind oder was ihnen zugestoßen sein könnte. Ich höre davon, wie sie trockenes Brot im Keller mit dem Hund eines alten Mannes teilten, damit »er nicht sterben muss. Der alte Mann hatte doch nur noch ihn.« Ich höre von Katjas Freundin, die mit ihren Eltern im Auto floh und beschossen wurde. Der Vater starb noch an Ort und Stelle durch einen Kopfschuss, und ihre Freundin trug ihre verletzte Mutter weg von den Schüssen in den Wald. Retten konnte sie sie nicht – auch die Mutter erlag ihren Verletzungen. Katjas Freundin hat sich dann zwei Tage lang mit etwas Brot und Tee am Leben gehalten und sich nach Russland zu ihrer Großmutter durchgeschlagen. Ich höre von anderen Klassenkameraden, die ihre kleinen Geschwister auf der Flucht mit ihrem Leben beschützten und damit bezahlten. Und ich höre sie sagen: »Es ist so schrecklich, dass die Kinder sterben müssen. Sie sind noch so jung und wissen doch noch gar nichts.« Die, die das sagen, sind keine 13 Jahre alt.

Plötzlich sagt Polina: »Bei meinem Taufvater ist ein Splitter ins Zimmer geflogen.« Wir schauen sie an und lächeln, um sie zum Weitersprechen zu animieren. »Ich möchte nach Hause«, spricht sie weiter. »Ich vermisse meine Puppe. Man kann sie anziehen, wie man möchte. Und man kann dort Verstecken spielen.« Ihre Wünsche sind entwaffnend. Auf ihrer Flucht in das sicherere Stadtzentrum von Donezk haben sie alles zurücklassen müssen. »Ich habe nur zwei Shirts und zwei kurze Hosen«, sagt Katja. »Ich auch«, fügt Nastja hinzu. »Und jetzt kommt bald der Winter. Wir haben ja gedacht, wir könnten bald zurückgehen. Es war so schön dort, und jetzt ist alles zerstört. Meine Freundin Lena lebt jetzt in einem ganz alten Haus, weil ihres völlig in sich zusammengefallen ist. Bei Regen läuft das Wasser innen drin die Wände herunter. Sie versuchen, das zu reparieren. Wie es im Winter sein wird, wissen sie nicht, es gibt nämlich keine Heizungen, nur kahle Steinwände. Es wird kalt sein.»

Wir vergessen nichts. Wir verzeihen es nie.
#REMEMBERS #FürDonbassGegenGenozid