DONEZK: WO GESCHOSSE STATT FLUGZEUGE LANDEN

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REMEMBERS Gastbeitrag von Irina Laschkevich – einer Journalistin aus Odessa, die sich seit Monaten in Donbass befindet. 
Auf der Suche nach Wahrheit.

In Donbass zu sein und den Flughafen nicht besucht zu haben, das konnte ich mir natürlich nicht erlauben. Es ist aber einfacher zu sagen, als wirklich auf den Flughafen zu gelangen.

Ich besitze zwar die s.g. „Militärakkreditierung“, aber ich musste mehrere Wochen auf den passenden Moment warten, um dahin zu schaffen. Doch als der Widerstandskämpfer mit dem Nicknamen „Schum“(dt. «Lärm») zustimmte, mich mitzunehmen, ergab sich endlich diese Gelegenheit. Seine Einheit sollte nämlich die nächste Wache auf dem Flughafen übernehmen.

Vorerst ganz kurz zur Geographie. Der Flughafen befindet sich nord-westlich von Donezk. Die Volksrepublik Donezk kontrolliert die südlichen, süd-östlichen und östlichen Gebiete, also Donezk und die Siedlung Spartak. Die Regierungstruppen sind süd-westlich, westlich, nord-westlich und nördlich davon positioniert (Peski, Wodjanoje, Andrejewka usw). Der Flughafen befindet sich somit mitten in der Konfrontationszone und ist ihre heißeste Kriegsherde.

Momentan befindet sich der Großteil des Flughafens unter der Kontrolle des Widerstandes. Allerdings konnten sie ihn, mittlerweile bereits seit mehreren Monaten, nicht ganz erobern. Zum Zeitpunkt meines Besuches dort hat die ukrainische Armee 2 Terminale kontrolliert. Auf einem davon wehte die ukrainische Flagge.

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„Wenn du runterfällst, dann bist du tot“

Wir mussten ca. einen Kilometer zwischen den Ruinen der früheren Flughafenhallen und anderen Bauten hinterlegen, um die Positionen der Widerstandskämpfer zu erreichen. Mein Begleiter „Schum“ warnte mich dabei, dass man sich dort ausschließlich im Lauftempo bewegen muss, da das Gebiet beschossen wird. „Wenn du runterfällst, dann bist du tot“, warnt er mich weiter.

Der Weg gestaltete sich aber nicht einfach. Der Schutzhelm rutschte ständig herunter und verdeckte meine Augen. Dazu hielt ich noch meine Kamera und einen Stativ. Zudem gingen meine Schnürsenkel auf. Auch „Schum“ hat es nicht einfach. Er trägt einen kompletten Kampfschutzanzug. Wir bewegen uns im Laufschritt, von einer Deckung zu anderen. Kaum haben wir uns hinter der nächsten Ecke versteckt, schon fliegen die Kugeln zur Stelle, die wir gerade verlassen haben.

Alles ist von Ruinen übersät: Überreste von zerstörten Bauten, der Technik und von Flugzeugen, die unglücklicherweise vor Ort waren. Der Flughafen scheint auf den ersten Blick menschenleer zu sein, obwohl es natürlich überhaupt nicht so ist.

«Nach dem letzten Besuch hatten wir 7 Tote zu beklagen»

Endlich sind wir angekommen. Wir betreten ein Gebäude. Wie aus der Dunkelheit erscheinen plötzlich Leute. Sie begrüßen „Schum“ und verschwinden gleich wieder. Auf uns kam sofort ein Kämpfer aus der Truppe von „Motorola“ zu, als er die Kamera gesehen hatte. „Es ist verboten hier zu filmen»,- warnt er uns unverzüglich. «Wir wurden sehr intensiv beschossen, nach dem letzten Besuch. Wir hatten 7 Tote zu beklagen.  

Eine Erlaubnis fürs Filmen könne nur „er selbst“ erteilen, also „Motorola“. Es hat mich viel Mühe gekostet, eine Erlaubnis zu bekommen, wenigstens etwas zu filmen. Danach musste ich aber einen Teil des Gefilmten löschen, um die Positionen des Widerstandes nicht preiszugeben.

Im Grunde genommen, kämpfen am Flughafen momentan 3 zahlreiche Einheiten der Volksrepublik Donezk. Es sind die Truppe von „Motorola“, die Truppe von „Giwi“ sowie die Donkosaken. Mein Begleiter gehört zu den letzten. Er ist aus Donezk und ist seit dem ersten Tag der Ereignisse in Donbass mit dabei. Seit dem Tag, als die Regionsadministrationsgebäude in Donezk gestürmt wurde. Er ist jetzt Kommandoführer. Seine Truppe kämpft schon seit 2 Monaten am Flughafen.

Wir gehen zur Vorposten. „Schum“ weist an, wo man sich am besten hinstellt, um das Risiko zu verringern, von einem Splitter getroffen zu werden. Es ist sogar erlaubt zu rauchen, aber so, dass es von der ukrainischen Seite nicht gesehen werden könnte. Es ist dunkel und windig in der Halle. Der Boden ist von Patronenhülsen übersät, an manchen Stellen versinken die Füße gar in den Hülsen.

 

«Russen? Natürlich sind sie hier. Freiwillig.»

„Schum“ beantwortet ziemlich gerne meine Fragen, warnt mich aber sofort, dass er nur darüber sprechen wird, was er weiß. Russen? Natürlich sind sie hier. Nur unter seinem Kommando sind es 30 Russen. Sie gehören aber nicht der professionellen Armee an. Dies sind nur Freiwillige. Wobei der Großteil der Donkosaken dort sogar nur aus den Bewohnern der Region besteht.

„Schum“ widerlegt kategorisch die Gerüchte darüber, dass es am Flughafen momentan oder in der Vergangenheit die reguläre Armee der Russischen Föderation gibt oder gab.

Er widerlegt aber auch das Gerücht, dass die am Flughafen stationierten ukrainischen Soldaten als „Kiborgs“ bezeichnet werden, wie es in den ukrainischen Medien hieß. „Ich weiß nicht, wer sie so genannt hat, aber mit Sicherheit nicht wir“, schüttelt er den Kopf. Seiner Meinung nach sollte man das Problem des Flughafens nicht am Flughafen, sondern in den umgebenden Ortschaften lösen.

„Wenn wir Andrejewka und Peski nehmen würden, dann würde der Flughafen passé sein»,- erklärt er. «Man könnte Andrejewka in Sturm erobern. Aber das ist unsere Stadt, dort leben unsere Leute, dies würde zu großen Verlusten führen. Und das wollen wir nicht. Und um Panzertechnik und Befestigungen präzise zu beschießen, bräuchten wir die neueste und genaueste Technik, die wir aber nicht haben.“

Eine Hungersnot auszulösen, um den Flughafen zu erobern, wäre auch nicht möglich. Denn die Nahrungsmittel, die die Armee schon in einem von ihnen besetzten Terminal angelagert hatte, würden für sehr lange ausreichen…

Ich wollte schon lange fragen: „Wie werden denn die Verluste des Gegners gezählt?“ „Schum“ beantwortet auch diese Frage: „Wenn wir eine Panzermaschine vernichten, wissen wir ja, aus wie vielen Personen eine Mannschaft des Panzers besteht. Auf diese Weise rechnen wir. Wie es die Gegnerseite zählt, wissen wir nicht.“

 

«Wie viele seiner Leute werden heute sterben?»

Von der Seite der „Kiborgs“ steigen Lichtraketen in die Luft. „Wir sollten gehen»-, sagt „Schum“. «Gleich fängt ein Beschuss an.“

Und wieder laufen wir durch den Flughafen, der mich an eine Dekoration für einen Apokalypse-Film erinnert. Man hört das Knirschen von Metall, die Explosionen in regelmäßigen Abständen hinten unserem Rücken. Und ein Geruch des Verbrannten liegt in der Luft.

Wir sind zum Auto angekommen. Ich habe den Schutzhelm abgenommen. Ich muss sagen, er ist schwer.

„Schum“ fährt mich nach Hause und kehrt dann wieder zum Flughafen zurück. Denn heute ist er an der Reihe, die Wache zu übernehmen. Gerade jetzt läuft er wahrscheinlich auch duckend zum Schutz vorm Beschuss zu seinem Posten. Wie viele seiner Leute werden heute sterben? Wie viele werden von der anderen Seite sterben, wo übrigens angeblich die «28. mechanisierte Kolonne» aus Odessa steht?

 

«Frieden, alle wollen Frieden»

Ich schlafe mit einem unruhigen Gefühl ein, obwohl meine „Mission“ — Besuch des Flughafens — erfolgreich abgeschlossen ist. Donezker Flughafen war mal der ganze Stolz der Stadt und einer der neuersten Flughäfen des Landes. Er liegt heute in Ruinen. Nur ein halbes Jahr zuvor starteten und landeten hier Flugzeuge. Heute fliegen und landen dort nur Geschosse verschiedener Waffen, verschiedener Waffensystemen und unterschiedlichster Kaliber. Für wen soll das sein?

Ich würde gern aufwachen und feststellen, dass es keinen Krieg mehr gibt. Dass keine Jungs mehr — von keiner der beiden Seiten — sterben müssen. Dass die Mütter von Donezk nicht mehr um ihre toten Kinder weinen müssen. Und dass die Bewohner der Zentral-Ukraine einfach weiter ihren Brot backen und sich mit ihrer ganzen Familien an einem Tisch sitzen. Frieden, alle wollen Frieden. Das Ende des Krieges aber ist nicht abzusehen…

 

Deutsche Version:

@REMEMBERS & Marina Filatova

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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie. 

 

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