REMEMBERS EXLUSIV: «DIE KINDER DER ATO»

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Der Krieg kennt keine Gnade und macht vor keinem Halt. Auch vor Kindern nicht. Ob sie ihre ganz persönlichen Kriegserlebnisse jemals verarbeiten werden, bleibt heute fraglich. Nachdem die neue Regierung ihres eigenen Landes beschlossen hat, dass sie und ihre Familien kein Recht auf Leben haben, müssen die Kinder seit Monaten dieses unerträgliche Leid mit ihren Augen sehen. Zu starke Schmerzen werden ihre kleinen Herzen ihr Leben lang ertragen müssen. Denn ihre Kindheit endete genau da, wo Poroschenkos Amtszeit offiziell begann: Am 26. Mai 2014.  

 

Reden ist Silber. Schweigen ist Kriegsverbrechen.

Ende Dezember kam in den sozialen Netzwerken ein ganz besonderer Dokumentarfilm von Alena Berezowskaja heraus: «Die Kinder der ATO», der s.g. «Anti-Terror-Operation». Die Aufnahmen wurden in den durch die ukrainische Armee zerstörten Gebieten von Donezk gemacht.

Kinder, die in diesem Film zu Wort kommen, haben sehr schwere physischen und psychischen Traumata erlitten. Viele von ihnen waren gezwungen, aufgrund täglicher Artilleriebeschüsse ihr Zuhause — gemeinsam mit ihren Eltern oder auch als Waise — für immer zu verlassen.

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Auch, wenn es sich keiner von uns vorstellen kann, glauben viele dieser Kinder heute, dass Krieg einfach zum Leben gehört. Dass es neben Lebenden immer auch Tote und Getöteten gibt. Dass es normal ist, auf dem Weg zur Schule bewaffnete Menschen zu sehen. Dass es einfach mal passieren kann, ein Feuerwerk mit einem Phosphorbombenbeschuss zu verwechseln.

«Die Kinder der ATO» ist eine schmerzvolle Darstellung der Realität, vor der die ganze Welt bis heute ihre Augen verschließt. Für uns ist es ein Kriegsverbrechen. Nicht nur seitens der Kiewer SS-Regime, sondern auch seitens unserer Regierung und der Medien.

Deshalb müssen diese Kinder unbedingt gehört werden. Wenigstens von denen, die den Mut haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Also von euch, Freunde. Und nein: Wir wünschen euch jetzt nicht «viel Spaß», sondern viel viel Kraft beim Ansehen von «Die Kinder der ATO«:

 

«Ich habe sogar gesehen, wie die Artillerieraketen über uns geflogen sind»

Boris Zarubin, 10 Jahre alt:

«Papa, weißt du noch, wie du mir geholfen hast, ein Gedicht von Taras Schewtschenko auswendig zu lernen? Und wie du mir erklärt hast, wie schön dieses Gedicht ist?

Großmutter und Urgroßmutter sagen auch, dass ich gut in der Schule sein muss. Es werden uns Hausaufgaben im Fach „Ukrainisch“ aufgegeben. Die Sprache, die ich früher so sehr mochte. Jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich zu dieser Sprache stehen soll…Diese Sprache wird von Menschen gesprochen, die unsere Stadt mit Artillerie beschossen, viele Menschen umgebracht und viele Häuser zerstört haben.»

Valentina Mostetskaja, die Oma von Boris Zarubin:

«Eines Tages kam er nach Hause und fragte mich: „Oma, wir haben einen Jungen in der Klasse, der aus Kiew stammt. Oma, er ist doch ein ukrainischer Patriot, oder?“ Ich sagte: „Nein, warum denn? Er kam nach Donbass, er ist genauso wie du. Wenn sie uns wieder bombardieren werden, rennt er genauso weg wie du.“ Ich sagte: „Bogdan, wenn wir ihn genauso behandeln würden, was würde es denn bedeuten? Unsere Oma ist aus der Kiewer Region. Sollen wir sie dann auch umbringen?“ Er erwiderte: „Nein“. Ich: „Warum sollten wir dann schlecht mit diesen Menschen umgehen? Nicht alle auf der anderen Seite sind genauso schlecht und kamen bewaffnet hierhin, um uns umzubringen.“

 

Junge 1:

«Mein Sommer war nicht so. Ich war nach Chernigow verreist. Dort hatte ich viel Angst. Um meine Verwandten, die hier geblieben waren und in Kellern absitzen mussten. Und um meine Schwester, die erst ein Monat alt war und auch im Keller versteckt werden musste.“

 

Mädchen 1:

«Mein Vater war nach Mariupol gefahren, um Geld abzuheben. Ich und meine Mutter packten unsere Sachen zusammen und auf ein Mal fing die Bombardierung an. Ich habe sogar gesehen, wie die Artillerieraketen über uns geflogen sind. Dadurch habe ich es jetzt erfahren, was Herzschmerzen sind.»

 

Mädchen 2:

«Mein Traum ist es, dass die Kinder immer klug sind und immer immer …immer Freunde zueinander sind. Und dass alle Länder einander verstehen und somit gäbe es keine Kriege mehr.»

 

Mädchen 3:

«Ich habe meinen Freund Erik angerufen. Und er erzählte mir, dass wir zum 1. September nicht in die Schule gehen durften, weil man uns damals mit schwerer Artillerie beschossen hatte. Ich und meine Mama sind zu Hause geblieben. Haben gelernt. Dann sind wir auf die Krim gefahren. Aber nicht, um Urlaub zu machen, sondern um zu fliehen, um abzuwarten, bis der Krieg zu Ende ist.»

 

Mädchen 4:

«Ich wünsche mir, dass es keinen Krieg mehr gibt und dass alles so wie früher ist … Dass man die Städte nicht voneinander trennt und dass alles beim Alten ist.»

 

Junge 2:

«Eine Grad-Maschine stand direkt neben mir. Wir sind jeden Tag von deren Beschüssen in den Keller gerannt. Und wir haben uns vor ihr versteckt. Jede Sekunde. Und so sieht die Gradmaschine aus. Leider kann ich nicht so gut malen. Also sie sieht in etwas so aus.»

 

«Sie verstehen nicht, wer der „Böse“ ist. Aber sie wissen, dass es einen „Bösen“ gibt.»

Elizaveta Glinka, Kinderärztin aus Moskau und Leiterin der Stiftung „Gerechtes Russland“, auch als „Doktor Liza“ gekannt:

«Ein Mädchen drücke ihre Puppe an sich. Ich bat sie, mir ihre Puppe zu zeigen. Die Puppe wurde mit roten und dunkelblauen Stiften bemalt. Die ganze Puppe. Arme, Beine, Gesicht. Ich fragte, warum sie die Puppe so bemalt, was mit ihr passiert ist? Sie sagte: „Die Puppe ist Opfer einer Bombardierung geworden. Sie war unartig und jetzt bringe ich sie mit nach Moskau, damit man sie dort behandeln kann.“ Wenn wir mit den Kindern in den Zug steigen, fangen sie an, Krieg zu spielen. Sie stürmen leere Zugabteilungen… Nehmen eine Person fest, die mit mir zusammen fährt. Sie nehmen diese dann als „den Bösen“ fest. Sie verstehen nicht, wer der „Böse“ ist. Aber sie wissen, dass es einen „Bösen“ gibt. So wird er festgenommen und auf das obere Bett verbannt.»

 

Igor Kostenko, Minister für Bildung in der Volksrepublik Donezk:

«Die Bilder, die im Rahmen des Projekts „Die Welt mit Kinderaugen“ entstanden sind, weisen heutzutage natürlich eine spezifische Zusammensetzung der Farben auf. Rot — die Farbe des Blutes und des Feuers. Schwarz — die Farbe der Zerstörung. Ihr seht hinter mir Bilder desselben Kindes über seine Empfindungen zum Krieg. Es sind Bilder, die die Welt vor dem Anfang des Krieges und danach zeigen. Auf dem Bild oben ist Krieg dargestellt. Und wo habt ihr denn schwarze Vögel gesehen?»

 

Boris Zarubin an seinen Vater:

«Du hast mir mal einen Computer gekauft und wir haben zusammen verschiedene Spiele gespielt. Dann hatten wir aber Feuer im Schuppen und der Computer ist dort mit allem anderem abgebrannt. Jetzt gehe ich zusammen mit den anderen Jungs in ein Computercenter. Irgendwann mal habe ich wieder einen eigenen Computer. Papa, ich mag so sehr in meine neue Schule zu gehen. Ich habe hier dieses Jahr viele Freundschaften schließen können…»

 

Boris Zarubin weiter:

«Mein Papa weißt genau, was Gefahr und Tod sind, weil er Minenarbeiter ist. Und ein Minenarbeiter kann einfach nicht nicht stark und nicht mutig sein. Er hatte keine Angst. Er war davon überzeugt, dass er uns alle, Mama, Oma, Uroma und mich, beschützen sollte. Während den Kämpfen in der Nähe von Donezk im August und September wusste ich, dass ihm nichts Schlimmes widerfährt.»

 

„Wir sind noch am Leben! Wir sind noch am Leben! Wir wollen leben“ 

Valentina Mostetskaja, Oma von Boris Zarubin:

«Als ich letztens mit Slawa, sein Rufname ist „Sarmat“, telefonierte… fragte ich ihn: „Slawa, was war denn nun los?“ Er sagte mir: „Walja, wissen Sie, wenn ich mich zurück erinnere, an die Zeit, als wir in der Nähe von Elenowka waren und als man uns dort beschossen hat…“ (Damals sind viele Leute bei denen getötet worden und er sagte:) “… wir haben uns danach wiedergefunden und haben geschrien „Wir sind noch am Leben! Wir sind noch am Leben!“ Viele erlitten Kontusionen durch die Druckwellen der Explosionen. Jeder fragt sich natürlich, wann ist es alles zu Ende? Wie lange werden sie noch die Bomben und alles andere auf uns werfen? Wie viele unserer Kinder werden behindert bleiben? Ich verstehe alles… Es gibt Mütter, wie mich, auch auf der anderen Seite. Sie weinen genauso, wie ich. Kann man denn das Blutvergießen nicht beenden? Wir wollen leben! Wir wollen leben! Wir wollen arbeiten! Wir wollen nicht, dass unsere Kinder oder unsere Enkeln sterben.»

 

Boris Zarubin zu seinem Vater:

«Es gibt nicht mehr so viele Mädchen und Jungen in unseren Klasse, wie früher. Unsere Lehrerin sagte, dass viele schon zurückgekehrt sind, aber manche sind für länger weggefahren… vielleicht für immer. Ich weiß nur nicht, wohin. Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder durch die Beschüsse sterben. Ich verstehe es. Ich selber werde aber Makejewka nicht verlassen. Weil du, Papa, weil du hier bleibst. Und ich will, ich muss in deiner Nähe bleiben.»

 

„Seien Sie nicht überrascht, falls ich sterben sollte.“

Im Studentenwohnheim.

Eine Frau:

«Unser Haus wurde im Juli zerbombt. Durch die erste Artillerierakete… Die zweite explodierte von der Gartenseite aus und zerstörte unseren Garten komplett. Es ist nicht mehr möglich, dort zu leben. Der Stadtrat gab uns erst mal einen Platz auf einem überdeckten Markt. Sie sagten nicht, für wie lange. Und danach sind wir hierher gezogen.»

Ihre Tochter 1: 

«Bei uns sind viele Menschen gestorben. Einige meiner Freundinnen sind in Russland, andere sind woanders. Es ist so… wenn wir eine Explosion hören… Wir sind mit Oma entlang einer Straße gegangen. Sie verteilte Hilfe. Ein Beschuss fing an… Wir sind ja Ruhe gewohnt. Wir sind sofort in einen Keller gelaufen. Wir hatten so eine große Angst. Und über dem Dorf, wo meine Oma lebt, sind Helikopter herumgeflogen. Es gab sogar Beschüsse ab und zu. Wir hatten auch Angst.»

 

Ihr Sohn:

«Ich träume davon, dass alles schnell zu Ende ist, alles wieder gut ist und wir wieder in unser Haus zurückkehren können.»

 

Ihre Tochter 1:

«Und ich träume auch davon, dass alles bald zu Ende ist und dass keine Kinder, und keine Menschen, und auch keine unserer Verwandten mehr sterben müssen. Und dass wir bald in unser Haus zurückkehren und dort, so wie früher, leben können.»

 

Ihre Tochter 2:

«Ich träume auch, dass der Krieg zu Ende geht und alles aufhört. Dass alle in ihre Häuser zurückkehren… und wir auch.»

 

Elizaveta Glinka:

«Ich habe einen Jungen transportiert, einen Hämodialysepatienten. Und als ich ihn abholte, war er schon den 4. Tag ohne Blutwäsche. Er fragte nichts. Er sagte nur: „Seien Sie nicht überrascht, falls ich sterben sollte.“ Ich sagte: „Warum erzählst du mir solche schrecklichen Sachen?“ „Weil, wenn ich keine neue Hämodialyse kriege, dann sterbe ich. Meine Nieren funktionieren nicht.“ Solche Wörter von einem Kind zu hören…»

 

Pavel Astachow, Beauftragter des RF Präsidenten für Kinderrechte, in Moskau:

«Einige Kinder, die dabei waren, den Grenzübergang Izwarino zu passieren, kamen unter Beschuss. Sie musste sogar ihre Papiere am Grenzübergang liegen lassen und konnten diese erst später abholen. Und dann kam der Generalkonsul der Ukraine zu uns und fing an, sich aufzuregen. Wir mussten die Kinder zurückgeben. Aber wir haben ihnen vorher zu essen gegeben, haben sie gewaschen und gaben ihnen die Möglichkeit, auszuschlafen. Wir haben sie beruhigt, Psychologen haben mit den Kindern gearbeitet. Und erst dann haben wir sie zurückgegeben. So war es zwei Mal. Es ist doch nur eine menschliche Regung, menschliche Gefühle, die man in dieser Situation zeigen sollte. Die Politik ist hier doch zweitrangig!»

 

Boris Zarubin an seinen Vater:

«Weißt du noch, wie man uns im Sommer bombardierte und wie wir im Keller lebten? Nach den Kämpfen kamst du dorthin zu uns und brachtest uns Nahrungsmitteln mit. Ich habe mich immer gewundert, warum du keine Angst hattest? Wenn doch überall Geschosse explodieren… Und du antwortetest mir mit einem Lächeln: „Hab keine Angst, es ist bald zu Ende. Wir werden sie aus unserem Land verjagen.“ Jetzt ist es ruhig, aber ich weiß, dass der Krieg noch nicht zu Ende ist. Und er kann jeden Moment wieder anfangen. Denn die ukrainischen Kanonen und Panzer stehen so nah. Vor einer langen Zeit hattest du mir einen Ball gekauft und wir sind zusammen zum Fußballplatz spielen gegangen. Aber jetzt lässt mich die Oma nicht mehr spielen gehen. Weil sich alles wiederholen kann. Die Bombardierungen und die Beschüsse.»

 

«Wenn der Krieg zu Ende ist, dann fahren wir nochmal ans Meer.»

Alexander Elisseew, Vater des getöteten Andrej Elisseew:

«Auf diesem Platz sind Kinder gestorben. Mein ältester Sohn, Andrej, und sein Freund Danil, 14 Jahre alt. Der Beschuss fing um kurz nach 3 Uhr nachmittags an. Ich habe dem keine Beachtung geschenkt. Und später fing ich an, meinen Sohn anzurufen. Ich rief einmal an, 2. Mal, 3. Mal…“Der Teilnehmer ist nicht erreichbar“ Ich kann mich nicht genau an die Uhrzeit erinnern. Es war so um 4 Uhr. Ich hatte dann das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich ging nach Hause… als ich zu Hause angekommen bin, kamen sofort Jungs hinter mir her angerannt. Wir hatten damals kein Licht. Und sie fingen an, an der Tür zu klopfen. Ich öffnete. Sie sagten: „Seien Sie bitte gefasst…“ Und ich fragte: „Warum? Ist denn etwas mit Andruscha passiert?..“ Sie sagten: „Ja.“ Ich weiss nicht mehr, wie wir zum Fußballplatz kamen, wie mich überhaupt meine Beine dahin gebracht habe. Wir kamen hier angerannt. Hier lag Danja. 14 Jahre alt. Und hier Andruscha… hier. So, wie die Jungs es erzählen. Der jüngste, Maxim… das Geschoß traf die Ecke dort. In die Ecke… von der Seite der Schule. Und die Splitter flogen bis hierhin. Entweder fasste die Welle sie mit an oder sie fielen direkt um. Und das zweite Geschoß traf sie dann. Andruscha war ein guter Junge. Er war gutmütig, fröhlich und fleißig. Er konnte nicht mal schimpfen. Er machte Sport.»

 

Boris Zarubin an seinen Vater:

«Ich weiß noch, wie du mich nach Yalta, ans Meer, mitgenommen hast. Wir sind Wellen gerieten und du hast mir schwimmen beigebracht. Ich habe vorher nie Möwen gesehen und dachte früher, dass sie so groß wie die Tauben sind. Aber in Wirklichkeit sind es große und schöne Vögel. Wir waren immer zusammen. Wir sind in diesem Jahr nicht zum Meer gefahren. Aber du hast gesagt, dass wenn der Krieg zu Ende ist, dann fahren wir nochmal ans Meer.»

Beitrag:  @REMEMBERS & Marina F. (O-Ton-Übersetzung)

 

Hoffnung schenken. (Über)leben retten.

Bitte helft uns zu helfen. Mit jedem Euro eurer Spende gelingt es uns, mit geballter Kraft und unserem gemeinsamen Einsatz den Menschen in Donbass nicht nur Hoffnung zu schenken, sondern auch das (Über)Leben von Kindern, ihren Familien sowie von kranken und alten Menschen in Donbass zu retten. Wie? Ganz einfach: Mit viel Herz und wenig Aufwand. Alle Infos zu unserer aktuellen Winter-Spendenaktion sowie Video-Dokumentationen zu unserem Dezember-Hilfskonvoi hier: http://remembers.achtungpartisanen.ru/hoffnung-schenken-uber-leben-retten

Wir bedanken uns schon im Voraus für eure Unterstützung — in unserem Kampf ums Überleben der Zivilbevölkerung von Donbass.

 

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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.