DEBALCEWO — DIE GEISTERSTADT

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REMEMBERS Herz- & Schmerzgeschichten aus Donbass

von Vasilisa Smirnih

In der Region Donezk gibt es (bzw. gab es) eine kleine Stadt Debalcewo. In den Zeiten des Friedens lebten dort 40.000 Menschen. Diese Kleinstadt wurde Mitte Juli von der ukrainischen Armee attackiert und eingenommen. 3 Tage lang haben die Bewohner ihr Leben in den Kellern verbracht. Mörser, Grad, Zerstörungen, Brände… Doch das war, wie es sich herausgestellt hat, nur der Beginn der Hölle, die Spitze des Eisberges. Danach folgten Überprüfung von Dokumenten, Erschießung des Bürgermeisters, Festnahmen und ein paar Wochen eines relativ ruhigen Lebens in der Okkupation. Und dann ging es richtig los… Auf der Hauptstraße wurden die Mehrfachraketensysteme «Grad» aufgestellt, aus denen man die andere Kleinstadt Enakiewo beschossen hat. Der Widerstand musste natürlich darauf antworten. Dann haben sie Schwerartillerie in der ganzen Stadt platziert und begannen aus allen Richtungen zu schießen, weil sie eingekesselt wurden. Eine Woche lang lief alles gut für sie, weil der Widerstand darauf gewartet hat, bis die Einwohner die Stadt verlassen haben. Wer konnte, hat seine Heimat verlassen. Wer nicht konnte bzw. wollte, ist zwischen zwei Feuer geraten. Die Geschosse kamen von allen Seiten. Die Ukris schossen, der Widerstand antwortete, die Ukris rückten ab und beschossen wieder die Stelle ihres Rückzuges. Dann kam der Widerstand dorthin und beschoss ihre Stellungen in anderen Gebieten.

Die Menschen lebten in den Bunkern. Sie kam nur in den Morgenstunden heraus, rannten schnell nach Hause, um etwas Brei zu kochen und die Trümmer zu beseitigen. Und auf dem Weg dahin konnten sie jede Menge verletzter Ukrainer sehen, die weggetragen oder abtransportiert wurden — in ein einziges, funktionierendes Krankenhaus. Dort gab es unheimlich viele von denen. Die verstorbenen Ukris wurden irgendwo in der Stadt begraben. Die getöteten Zivilisten wurden schnell auf einem verlassenen Friedhof beerdigt, in der Zeit, wo es keinen Beschuss gab.

Der Supermarkt arbeitete bis 12 Uhr. Dort konnte man für unheimlich viel Geld Süßigkeiten, Dosen und teure Spirituosen kaufen. Und plötzlich hat man gehört, dass es Rente geben soll. Die Menschen haben sich mit den Fahrrädern oder zu Fuß ins Stadtzentrum begeben — zu einem einzigen Bankautomaten, der noch in Betrieb war. Nachdem sie zweieinhalb Stunden in der Schlange, die nicht weniger wurde, gestanden sind, begann wieder der Beschuss. Doch keiner hatte sich von der Stelle bewegt. Dann kam plötzlich ein ukrainischer Kommandeur und hat geschrien, dass sich alle verstecken sollen. Doch die Menschen gingen nicht. Sie bückten sich nur zum Gedröhn. Der Kommandeur holte eine Pistole heraus und schoss in die Luft, damit sich die Menschen in ihre Verstecke begeben. Aber ihnen war es egal. Sie brauchten das Geld, um sich etwas zu essen holen zu können. Oder dem Taxifahrer die Fahrt ins Stadtzentrum bezahlen zu können.

Und jetzt ist der Waffenstillstand da — ein Traum! Man braucht nun gar kein Geld mehr. Denn die Supermärkte haben eh geschlossen und die Taxifahrer nicht mal für 500 Griwnja den Ort verlassen wollen. Plötzlich laufen auch schwarz maskierte Menschen mit Totenköpfen durch die Stadt. Sie sprechen mit niemandem, sie hören nicht auf die ukrainischen Kommandeure, sie benehmen sich wie Tiere. Man merkt, dass sogar die ukrainische Armee vor ihnen Angst hat. Sie dürfen alles. Sie dürfen sogar auf alles und wann sie wollen schießen. Zum Beispiel auf Hunde. Aber auch auf Menschen, spricht sich in der Stadt herum.

Und so leben die Menschen bis heute, hungernd, in ihren Kellern und rennen zwischendurch schnell nach Hause, um sich zu vergewissern, ob ihr Haus noch steht. Doch leben können sie dort nicht mehr. In den Zeiten der s.g. «Waffenruhe» sterben am meisten Menschen. Jedes zweite Gebäude ist zerstört. Die Stadt ist eine Geisterstadt geworden. Aber hier leben immer noch sehr viele Alte und sogar Kinder. Die älteren Menschen sterben dutzendweise, weil sie nicht schnell genug sind, um den Bunker zu erreichen, wenn es drauf ankommt. Ständiges Dröhnen und Sterben, Angst und Enttäuschung. Und der Winter steht vor der Tür…

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Die Ukris fordern von den Einwohnern, die Stadt nicht zu verlassen. Ja, sie fordern es. Warum? Wieso? Wohin soll man überhaupt gehen?

Man darf nicht krank werden. Man kann ganz leicht an einem Geschwür oder einer Schnittwunde sterben. Wann ist dieser Waffenstillstand endlich vorbei? fragen sich die Menschen. So eine heiße Waffenruhe will man einfach nicht mehr haben. Es gibt kaum mehr Platz, um Leute zu beerdigen.

Das ist der Alltag der letzten Woche. Das ist Debalcewo — früher einer der größten und wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte nach Moskau-Sortirowochnoe. Nun ist es eine Geisterstadt geworden. Ein neuer Kessel, in dem friedliche Einwohner und Kinder gekocht werden… Und wenn euch irgendeiner sagt, dass es nicht euer Krieg ist und man soll endlich aufhören, dem Osten des Landes zu helfen und diese Menschen zu unterstützen, dann erinnert euch bitte an diese Geschichte, die mein Vater mir gestern erzählt hat. Und hört denen nicht zu. Die Menschen warten auf euch. Sie brauchen eure Hilfe. Ihr Schmerz ist unendlich.

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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.