DIE «GRAD»-WANDERUNG (TEIL 1)

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Ukraine Nachrichten
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REMEMBERS Reisebericht

Von Reportern der «Freien Presse» und ehrenamtlichen Helfern. Für Donbass. Gegen Genozid.

 

Hilfe auf Reisen: Rostow — Schachtjorsk

Wir fahren zusammen mit den Jungs nach Donbass, die dort humanitäre Hilfe verteilen. Unser Startpunkt befindet sich in einem Lager in Rostow, welches mit Paketen und Kartons, die mit „Warme Sachen“ oder „Kindersachen“ beschriftet sind, überfüllt ist. Das Lager gehört einer öffentlichen Organisation namens „Russische Gemeinde“, die momentan im Rahmen der gemeinnützigen Bewegung „Noworossija“ regelmäßig humanitäre Hilfsgüter in die Städte von Donbass sendet. Wir hatten das Glück, diese mutigen ehrenamtlichen Helfer kennenzulernen, die stets in den heißesten Krisenherden der Region unterwegs sind. Weil sich nicht jeder der Ehrenamtlichen dahin traut, ist dort die Hilfe am allernötigsten.

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Kommt man auf die Seite von Noworossija, bekommt man den Eindruck, als ob man in eine andere Welt eintauchen würde. Uns fällt eine Gruppe von Jugendlichen auf – ein paar Jungs und eine junge Frau. Sie lachen, scherzen. Es scheint ein alltägliches Bild zu sein. Wäre da nicht ein „aber“: Alle jungen Menschen, auch diese junge, zierliche Frau, tragen Kampfanzüge und sind bewaffnet.

Donbass
Donbass, Bomben, Grad, Grad-Raketen Ukraine

 

Wir fahren in rasender Geschwindigkeit entlang der Städte und Dörfer, die alle vom Krieg zerstört wurden. Es gibt kaum Autos auf den Straßen. Wir fahren durch Ilowajsk, dessen Häuser schwarze Löcher statt Fenster haben.

 

                                                           

«Es ist eher ein Überlebenskampf als Leben»

Wir fahren nach Sugrjes, um an einen behinderten Mann Lebensmittel abzuliefern. Kiew zahlt schon lange keine Renten und Sozialleistungen aus. Die neue Regierung der Volksrepublik hat es unter den Kriegsbedienungen leider noch nicht geschafft, in den Gebieten sozial-politische Programme durchzuführen. Somit ist hier die humanitäre Hilfe überlebensnotwendig.

Wir kommen bei einem ordentlich gestrichenen, kleinen Haus an. Der behinderte Mann ist mit seiner jetzigen Situation mehr als unzufrieden. Ihm fehlen beide Beine. Seine Mutter und sein Vater sind auch nicht mehr die jüngsten. Er braucht seine Rente und die Stabilität im Leben, die er früher hatte:

 

 

Donbass, Bomben, Grad, Grad-Raketen Ukraine
Donbass, Bomben, Grad, Grad-Raketen Ukraine

„Ich bekam Rente. Ich war versorgt. Jetzt habe ich seit mehreren Monaten keine Rente mehr erhalten. Es ist eher ein Überlebenskampf als Leben», — beklagt er sich und bezeichnet das momentane Geschehen als „Holodomor“ — eine durch Menschen verursachte Hungersnot — und Genozid.

 

 

«Das Schrecklichste war, als hier die Flugzeuge geflogen sind»

Unser Weg führt uns aus Sugrjes nach Schachtjorsk. In Schachtjorsk befindet sich eine der Armenküchen, die von der „Russischen Gemeinde“ mit Lebensmitteln versorgt wird. Draußen ist es schon fast dunkel. Im Gebäude des sozialen Einrichtungshauses sitzen noch mehrere Frauen. Die Frauen wollen nicht die alte gute Tradition der Gastfreundschaft vernachlässigen und beschließen, uns mit Essen und Getränken zu versorgen. Sie gießen uns großzügige Portionen Kohlsuppe ein und reichen uns ein zweites Gericht gleich hinterher.

Wir führen ein angenehmes Gespräch. Während des Gespräches stellt sich heraus, dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter auf eine Hochzeit in Sneschnoje fahren wollen. Wir müssen aber dringend weiter nach Lugansk. Julia, eine schöne Brünette mit einem durchdringenden Blick, erklärt sich bereit uns zu fahren, da sie eh in die Hauptstadt der Lugansker Volksrepublik muss.

„Das Schrecklichste war, als hier die Flugzeuge geflogen sind. Es war richtig furchterregend. Sie haben Snezhnoe bombardiert»,- teilt uns eine unseren Gesprächspartnerinnen ihre Erinnerungen über das Erlebte in diesem Sommer mit. Eine andere Frau fügt hinzu:

„Ich war um 5.30 aufgestanden, um zur Arbeit zu gehen.“ „Unser Boden zitterte so stark. Und das, obwohl wir etwas weiter weg von Sneschnoje leben. Als das Flugzeug abfeuerte… Ich weiß nicht, wie es die Menschen dort erlebt haben müssen.“

Jetzt erzählt sie lustige, wenn man sie denn überhaupt so bezeichnen kann, Geschichten und scherzt darüber.

Zum Beispiel dass sich ihr Kind damals gefreut hatte, nicht in den Kindergarten gehen zu müssen. Oder darüber, wie die Kinder miteinander spielten, als sie sich in den Kellern während der Artilleriebeschüsse versteckten.

 

„Er mag den Kindergarten auch so nicht und da sagte er „Mama, Grad!! Man darf nicht!“ Wir saßen im Keller und die Kinder unterhielten sich. Sie stellten den Geräuschen nach fest – das war ein Gewehr, das war ein Maschinengewehr, das war ein Granatwerfer und das war eine Gradmaschine. Sie haben alles aufgezählt.“

 Wir fragen sie, ob sie nicht mal daran gedacht hatten, hier wegzufahren. Darauf antworteten sie:

„Wer braucht uns schon? Wir sind mal weggefahren, waren zu Besuch, haben Geld ausgegeben – und das war’s. Hier ist unser Land, unseres Zuhause.“

Sie erzählen uns über das Erlebte fast schon so, als ob das etwas Alltägliches wäre. Als würde sie über eine gestrige TV-Sendung sprechen. Ab und zu lachen sie alle sogar über die Erfahrungen, aber dann auf einmal schwellen die blauen Augen einer Frau mit Tränen an.

Wir haben viele Tränen auf dieser Fahrt gesehen. Es waren ruhige, unbeabsichtigte und ehrliche Tränen.

Julia kehrt zurück und mit ihr — zwei junge Frauen und ein Mann um die 50. Er ist aus der Gegend, aus Donezk. Wir müssen fahren und draußen ist es schon Nacht. Und es ist noch ein ziemlich weiter Weg nach Lugansk.

 

Fortsetzung folgt.

 

***

Ihr wollt uns helfen, das Überleben von Kindern, ihren Familien sowie von kranken und alten Menschen in Donbass zu sichern? Sehr gerne. Und größten Dank schon im Voraus dafür. Alle Infos zu unserer aktuellen Winter-Spendenaktion sowie ein Rückblick auf unseren Dezember-Hilfskonvoi findet ihr jetzt unter https://remembers.achtungpartisanen.ru/hoffnung-schenken-uber-leben-retten/

 

Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.