DIE KINDER VON DONBASS (Teil 5)

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Exklusiv-Interview von Mark Bartalmai — einem unabhängigen Journalisten aus Deutschland.

«Flugzeuge und Panzer. Sie reden sich für eine halbe Stunde die Last von der Seele, und wir wissen, dass sie täglich das gleiche erleben wie wir. Bombardements, auch hier in diesem Distrikt – wieder und wieder, Tag und Nacht. Und wir wissen auch, dass wir trotzdem nicht das gleiche empfinden wie diese Kinder. Ihr Trauma übersteigt das unsere um ein vielfaches und wird ihr Leben prägen. Wir fragen sie, ob sie den Kindern in Kiew, in Deutschland, England oder Frankreich etwas sagen möchten. Ihre Antwort berührt uns zutiefst, und wir spüren, dass es eine Zukunft geben kann nach all dem Tod, den Bomben, den Panzern und den Greueln. Irgendwann einmal. Sie sagen: »Wenn sie zum Beispiel sagen würden: ›Ich habe keine Lust, in die Schule zu gehen, ich will nicht früh aufstehen‹, würde ich ihnen antworten, dass man lieber früh aufsteht, als das Bombardement hinter den Fenstern zu hören, lieber als im feuchten Keller zu sitzen mit den Ratten und Mäusen. Dass man lieber früher, aber ausgeschlafen aufsteht, als so etwas zu hören. Und dass sie nicht sehen müssen, wie man schießt, dass sie nicht die Explosionen sehen müssen, die wir sahen, dass sie nicht diese Kampfflugzeuge sehen müssen, dass sie nicht die Panzer sehen müssen. Wahrscheinlich haben sie das noch nicht gesehen, selbst als das auf dem Maidan stattgefunden hat, oder sie haben es vergessen. Aber wir hoffen für ihre Eltern, dass ihre Kinder das nicht sehen müssen, dass es ihnen zu Hause gut geht. Und ich würde ihnen sagen, sie haben Glück, dass sie nachts schlafen können, dass sie immer etwas zu essen haben, in ihrem eigenen Haus leben, dass ihre besten Freunde bei ihnen sind.« Katja fügt hinzu: »Meine beste Freundin ist jetzt in Cherson. Ich habe keine Möglichkeit mehr, sie zu sehen. Wir haben unsere gesamte Kindheit über alles zusammen gemacht, und jetzt ist sie weg. Das ist so schade. Sie haben wirklich Glück, dass sie ihre Freunde täglich sehen können, nicht wie wir jetzt.«

An dem Tag, an dem wir gehen, bekomme ich überraschend ein Geschenk. Es ist ein Bild aus Blumen, Gräsern und Kernen. Ein Bild, das eine Mutter mit ihrem Kind zusammen gebastelt hat. Während eines Bombenangriffs. Um sich abzulenken von der Angst. Lena, die dieses Bild gemacht hat, weint, als sie es uns gibt.

Es regnet auf diesem Bild, aber es sind Tropfen, keine Bomben. Es könnten auch Tränen sein – die Tränen der Kinder aus Donezk. Aus Donezk, der Stadt im Donbass. Einer Stadt in Europa. Einer Stadt, in der Krieg herrscht. Im Jahre 2014. Ein Krieg, den Europa nicht sieht.»

Wir vergessen nichts. Wir verzeihen es nie.
REMEMBERS. Für Donbass. Gegen Genozid.

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