GORLOWKA: BERICHT EINES ÜBERLEBENDEN

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@Egor Woronow

Ich schleiche entlang des Lenins Prospekts in Richtung des früheren Wohnheimes, wo sich jetzt das Hauptquartier der ehrenamtlichen Mitarbeitern der Stadt Gorlowka befindet. Schon seit ungefähr 3 Minuten klingt die „Symphonie“ der Artillerie. Der Lärm der Kanonen nähert sich immer mehr. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Zjema sagt „Wir gehe gleich in den Supermarkt einkaufen, dann zu einer älteren Dame ins Krankenhaus, Brot vorbeibringen, und dann in den Bunker. Wenn du magst, kannst du uns helfen.“

„Kein Problem,“ antworte ich und wir fangen an zu arbeiten. Supermarkt, Einkaufswagen, Tüten, Brot, Grützen, Schlange. Das alles wird in einem wahnsinnigen Tempo erledigt, wir müssen schließlich so viel schaffen. Nun sind wir schon im Krankenhaus und packen die Nahrungsmittel für die ältere Dame aus, während Zjema mit dem Arzt über die Medikamente spricht.

Es sind eineinhalb Stunden vergangen, ohne dass ich es realisiert habe. Ich habe wegen dem ganzen Hin-und-Her die Beschüsse nicht mehr wahr genommen.

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«Das sind die echten Krieger des Lichts und nicht die Facebook-Verfechter der „europäischen» Werte»

Ich schaue mir die Ehrenamtlichen an und realisiere, dass sie es jeden Tag genau so erleben. Sie sind unter den Beschüssen am Rennen, um die Bedürftigen und Älteren zu versorgen. Dies sind Menschen, die ihren eigenen Parallelkrieg führen – für die Leben der Anderen und für den Humanismus. Ohne großes Trara, ohne große Worte und ohne Kameras, reichen sie den Bedürftigen ihre Hände, um zu helfen. Sie spenden ihre Zeit für die, die von anderen schon vergessen und ihrem eigenen Schicksal überlassen wurden. Und all das machen sie nur für ein simples „Danke“. Das sind die echten Krieger des Lichts und nicht die Facebook-Verfechter der „europäischen» Werte.

„Und jetzt ab in den Bunker!“, sagt Zjema, die scheint nicht mal ein wenig müde zu sein. Wir laufen ein paar Hausblocks weiter, zu denen, die Hilfe brauchen. Es steltt sich heraus, dass der Bunker ein einfacher Keller des früheren Heizraumes ist, mit massiven Wänden und schwerer Luft. Dort verstecken sich rund 15 Menschen von Artilleriebeschüssen schon seit 9 Tagen, seit dem 2. „blutigen Sonntag“ in Gorlowka.

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«Heute haben wir noch mehr Angst, als im Sommer. Es ist wesentlich schrecklicher geworden»

Die meisten „Bewohner“ sind schon älter. Die 56-jährige Natalija und ihr 59-jähriger Ehemann Viktor erzählen mir:

„Hier haben sich Menschen auch im Sommer versteckt. Wir leben eigentlich nicht weit von hier entfernt, in den „finnischen Häusern“, aber als die Beschüsse anfingen, mussten wir hierhin umziehen. Wir haben große Angst im Haus zu bleiben. Einer der Beschüsse geriet mal in den Schuppen des benachbarten Hauses. Und das war nur 4 Meter von unserem Haus entfernt. Unsere Fenstergläser sind zersprungen. Und bei der Nachbarin haben 3 Granatensplitter eine doppelte Wand durchgeschlagen. Im Garten einer anderen Nachbarin sind 4 Granatensplitter gelandet. Wie kann man hier leben? Und das ist fast das Zentrum der Stadt. Wir haben den Sommer im Sommerhaus in Ozerjanowka verbracht. Aber jetzt ist es Januar. Wo sollen wir sonst hiergehen? Vor allem die Siedlung ist jetzt mitten im Geschehen. Heute haben wir noch mehr Angst, als im Sommer. Es ist wesentlich schrecklicher geworden. Wer eine Möglichkeit hatte wegzufahren, ist weggefahren. Doch wir haben keinen anderen Ort, wo wir hingehen können.»

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«Gott sei Dank sind hier jetzt nicht mehr Minus 20 Grad»

Es gibt keine Heizung im Keller. Man hat hier aber letztens Strom gelegt. Jetzt wird der 35m² große Raum von einem kleineren Heizlüfter geheizt bzw. versucht es zu tun. Es liegen viele Matratzen auf dem Boden, welche die Menschen selber aus ihren Häusern hierhin gebracht haben. Hier gibt es keine Türen. Der Eingang in die bewohnten Katakomben ist mit einer Decke versehen. Die Leute gehen zum Kochen in die benachbarten zweistöckigen Häuser, die mit Gas versorgt sind. Wasser? Ich habe eine volle 6 Liter große Flasche gesehen und… und das war’s.

„Wie die Ehrenamtlichen über uns erfahren haben? Ganz zufällig. Als ein Geschoss ins benachbarte Haus geriet, waren sie dort, um sich umzuhören, wer Hilfe brauchen könnte. So haben sie uns gefunden und jetzt bringen sie uns Nahrungsmitteln. Und den älteren Frauen auch Medikamenten und warme Sachen. Wie wir hier die Kälte aushalten? Nun, momentan ist es zu ertragen. Gott sei Dank sind hier jetzt nicht mehr Minus 20 Grad. Aber wenn die Temperaturen unter 0 fallen werden, dann weiß ich nicht, was wir tun werden.“ erzählt mir Viktor.

Hier lebte eine junge Familie mit zwei Kindern, eines davon war noch ein Baby. Es stehen immer noch 2 Kinderwägen in der Ecke, die die Eltern vorsichtshalber stehen gelassen haben. Die Bewohner des Kellers zeigen uns Bretter, auf denen sie geschlafen haben.

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«Wer braucht mich überhaupt noch und wo, wenn man mich schon hier verlassen hat…“

Die älteste Bewohnerin des Kellers ist Tamara Fedorowna. Sie ist 89 Jahre alt. Sie überlebte den 2. Weltkrieg und kann es immer noch nicht glauben, dass sie jetzt noch einen Krieg durchstehen muss. Sie weint oft und kann es nicht glauben, was passiert. Sie sagt, dass sie Angst hat nach Hause zu gehen. Ihre Wohnung ist fensterlos.

„Ich war 16, als die Hölle damals begann, und jetzt bin ich schon ins Alter gekommen. Ich habe Diabetes, kann aber den Keller nicht verlassen. Wo soll ich in meinem Alter hin? Um meine Rente abzuholen… Um eine neue Wohnung zu suchen… Wer braucht mich überhaupt noch und wo, wenn man mich schon hier verlassen hat.“

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«Wie lange müssen wir hier eigentlich noch ausharren?“

Natalija ist auch eine Bewohnerin des Kellers. Sie ist hier nicht zum ersten Mal. Sie erzählt, dass sie im Sommer hier mehr als einen Monat verbracht hat, von 27. Juli bis 5. September.

„Und jetzt bin ich wieder hier. Nahrungsmitteln? Viele Leute haben sie selbst von zuhause hierher gebracht. Alles, was man hatte. Wir haben uns hier sehr miteinander angefreundet und unterstützen uns gegenseitig. Ob wir die Beschüsse hier hören können? Die Erde bebt und der Müll fällt von der Decke runter. Hier gibt es nur einen Ausgang, aber wir alle können hier sowieso nicht weggehen. Wohin auch… Deswegen sitzen wir alle hier. Hier bei uns leben auch Katzen und Hunde. Wie hätten wir sie denn zuhause lassen können? Es wäre nicht menschlich gewesen. Und zuhause haben wir kein Licht, kein Wasser, kein Gas und keine Heizung mehr. Wie lange müssen wir hier eigentlich noch ausharren?»

Ich habe den Menschen gewünscht die Belastungen durchzustehen und zu überleben. Aber ich verließ schweren Herzens. Ich lebe ja selbst in dieser unter den Beschüssen stehenden Stadt und erlebe all die Schrecken des Krieges mit. Aber es macht mich sprachlos, diese Menschen so zu sehen. Ihr Leben ist Gorlowka und Donbass. Sie können nirgendwohin mehr gehen, außer in dieses schreckliche Verließ.

Aber wisst ihr, was? Sie haben noch Hoffnung, die ihnen hilft, all das durchzustehen. Deshalb glaube ich daran, dass sie es schaffen werden.

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Quelle:

http://liva.com.ua/save-donbass-people.html

 

Beitrag:

REMEMBERS & Marina F. 

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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.

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