REMEMBERS EXKLUSIV-INTERVIEW MIT OLEG MUZYKA AUS ODESSA

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Heute, vor genau 1 Jahr, geschah etwas Schreckliches, Grauenhaftes, einfach etwas Unmenschliches, was wir bis heute nur schwer begreifen können: Das Massaker von Odessa. Von den Machthabern des Landes und auf «Empfehlung» der USA lange im Voraus geplant und bis ins Detail organisiert. Von ukrainischen Nationalisten aus dem Westen der Ukraine mit Lust und Freude am Töten von «Moskali» (abwertende Bezeichnung für «Russen») ausgeführt.

 

Für uns ist der 2. Mai 2014 der Beginn des Genozides in der ehemaligen Ukraine. Und ein ganz persönlicher Schmerz, der nie vergehen wird. U.a. weil einige von uns ursprünglich aus Odessa kommen und dieses unendliche Leid mit ihren Angehörigen und Freunden für immer teilen werden. Jahr für Jahr. Tag für Tag.  

Deshalb war für uns auch das Interview mit Oleg Muzyka — einem der Überlebenden des Massakers von Odessa — ein ganz persönliches Anliegen und ein unbeschreiblich schmerzhaftes Erlebnis.

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REMEMBERS: Lieber Oleg, wir freuen uns sehr, dass Sie sich Zeit genommen haben, um mit uns über das Wichtigste zu sprechen, vor allem was die deutsche Bevölkerung heute interessiert. Fangen wir erst einmal mit einem für uns sehr schmerzhaften Thema an: Odessa. Heute ist der 1. Jahrestag nach den tragischen Ereignissen am 2. Mai im Haus der Gewerkschaften. Wie verkraftet, aus Ihrer Sicht, Ihre Heimatstadt diesen Schmerz und wie erleben die Bewohner von Odessa heute alles, was in der Ukraine passiert?

Oleg: Guten Tag. Ihre Frage nahm mir gerade die Luft weg und ließ die schrecklichen Bilder des 2. Mais 2014 vor meinem inneren Auge wieder ablaufen. Kurz dazu: Odessiten gehen am 2. Mai auf das Kulikowo Feld, um die Getöteten zu ehren. Man kann den Willen von Odessa nicht brechen. Odessa hat sich auf die Lauer gelegt, Odessa kämpft. Allerdings wird dieser Schmerz nicht leicht heilen. Wir werden die Täter zwingen, für all das Verantwortung zu übernehmen. Und zwar vor Gericht. Und die Stunde der Gerechtigkeit ist nicht mehr weit entfernt.

REMEMBERS: Ja, auch wir warten täglich auf diesen Moment. Nun… Sie gehören zu denjenigen, denen es gelungen ist, an jenem blutigen 2. Mai im Haus der Gewerkschaften zu überleben. Das bedeutet, dass Sie mit Ihren eigenen Augen gesehen haben, wie Ihre Mitstreiter, Aktivisten des Kulikowo Feldes, aber auch einfache Frauen, Kinder, Jugendlichen und ältere Menschen — also zufällige Passanten, von den ukrainischen Neo-Nationalisten verbrannt, tötet und erschlagen wurden. Ist es wahr?

Oleg: Ich war von 8.00 Uhr bis 23.00 Uhr auf dem Kulikowo Feld. Bis ich festgenommen wurde. Ich habe alles, was damals passiert ist, mit meinen eigenen Augen gesehen. Genau so, wie Tausende ukrainischer Bürger auch. Denn die Geschehnisse wurden live auf einem regionalen TV-Sender übertragen. Allerdings werden im Internet alle Bilder und Videos dazu ständig vom ukrainischen Geheimdienst SBU gelöscht.

REMEMBERS: Das überrascht uns nicht. Leider. Vor allem, wenn man sich die offizielle Version des ukrainischen Innenministeriums (MWD) zur Hand nimmt. Denn da erklären sie der Welt nämlich, dass die Menschen im Haus der Gewerkschaften sich selbst in Brand gesteckt hätten.

Oleg: Nach der Logik des Innenministeriums seien alle 500 betroffenen Menschen psychisch krank gewesen und haben sich aus diesem Grund anschließend selbst verbrannt. DIE Menschen, die IHRE Stadt lieben!

REMEMBERS: Unglaublich! Wir haben übrigens letztens in der ukrainischen Presse eine neue offizielle Erklärung dazu gelesen, die besagt, dass der Brand auf dem Kulikowo Feld natürlich nicht durch die neue Regierung und deren Helfer, die neo-nazistischen «Fußballfans», initiiert, sondern durch Selbstbrandstiftung der Antimaidaner und eine ungewöhnlich starke Kraft des Meereswindes verursacht wurde…

Oleg: Genau. Nach deren Information verstärkte der Wind den Brand. Eine Gegenfrage dazu: Haben Sie in der Kindheit Lagerfeuer gelegt? Wissen Sie noch, wie das Lagerfeuer sich aufflammt? Was denken Sie: Hätten wir Zeit gehabt, einen Versteck zu finden, während das Feuer entfachte? Hätten wir! Aber man gab uns dazu keine Chance. Man hat uns mit den für das Militär hergestellten Rauchbomben beworfen. Menschen fingen an zu ersticken. Panik brach aus. Aus diesem Grund kamen viele Menschen auf der Haupttreppe um. Und erst später beendete das Feuer den Rest.

REMEMBERS: Wer ist Ihrer Meinung nach der wahre Initiator dieses Massakers und wer hat eigentlich seinen Nutzen davon getragen? Und warum hat man dafür ausgerechnet Odessa ausgewählt — eine Stadt, die schon immer weit von der Politik, dem Nationalismus, und vor allem dem ukrainischen, entfernt war. Denn dort lebten und genossen einst über 120 verschiedenen Nationalitäten ihr Leben am Schwarzen Meer!     

Oleg: 124 Nationalitäten leben in dieser unpolitischen Stadt, die einen Ehrentitel „Heldenstadt“ trägt, den man ihr für das massenhafte Heldentum während des 2. Weltkrieges vierliehen hatte. Warum Odessa? Zu dem Zeitpunkt verlor die Ukraine die Krim. Und Odessa ist somit die einzige Großstadt am Schwarzen Meer in der Ukraine. Wenn die Ukraine Odessa verliert, verliert sie ihren Status des Landes mit Seemacht. Selbst heute noch legen die NATO Schiffe im Hafen von Odessa an. Und dann spielt hier natürlich noch die Ideologie eine wichtige Rolle. Die Bandera-Anhänger wollten unsere Geschichte schon lange umschreiben. Odessa ist eine der ersten Heldenstädte.

REMEMBERS: Und was denken Sie, ist es Ihnen nach dem 2. Mai gelungen, die Odessiten einzuschüchtern? Oder gibt es dort noch mutige Menschen und v.a. noch Menschen, die nicht an die Märchen des ukrainischen Propagandafernsehens und der Politiker glauben?

Oleg: Die Angst um das eigene Leben ist dort präsent. Jeder Mensch hält sich an seiner Chance, lange und glücklich zu leben, fest. Aber in Odessa gibt’s noch viele Patrioten. So gingen die Odessiten zum Beispiel am 10. April 2015, am Tag der Befreiung der Stadt von den faschistischen deutschen Besatzern, auf die «Allee des Ruhms» und haben dem ukrainischen Präsidenten, Petro Poroschenko, offen gesagt, dass er ein Mörder ist. Zudem skandierten sie auch „Faschismus wird nicht durchkommen“.

REMEMBERS: Das freut uns und macht Hoffnung. Und wer und wie wurde für das Massaker von Odessa zur Verantwortung gezogen?

Oleg: Es wurde noch niemand vors Gericht gestellt. Die Untersuchung läuft noch.

REMEMBERS: Da wir in Odessa Verwandte, Freunde und frühere Schulkameraden haben, müssten wir in dieser Zeit leider feststellen, dass es dort leider viele Menschen gibt, auch diejenigen, von denen man es nie erwartet hätte, die anti-russische Propaganda angenommen haben und den «bösen Putin» bereits seit über einem Jahr für alles beschuldigen. Selbst für das Massaker am 2. Mai. Wie konnte es denn passieren, dass Menschen, die gemeinsam mit uns in der Sowjetunion groß geworden sind, die gleiche Geschichte, wie wir, gelernt haben, heute derartige Überzeugung haben?

Oleg: Noch zu Zeiten von Michail Gorbatschow wurde Propaganda in die Köpfe der sowjetischen Bürger eingetrichtet, dass nicht alles am Leben in der Sowjetunion gut war. Der Zweifel wurde im Verstand des Volkes anerzogen. Als die Sowjetunion zerfiel, verstärkte sich die Propaganda noch viel mehr. Man sah, hörte und las im Fernsehen und in den Zeitungen, wie viele Mängeln die Sowjetunion aufwies. Und dann wurde in den letzten 23 Jahren eine Konsumgesellschaft anstatt Patrioten des eigenen Landes großgezogen. Das Volk verarmte auf eine künstliche Art. Und die Armen zu regieren ist wohl das Leichteste. Das Volk ist hungrig, arm und vergaß seine Geschichte. So wurde es zum Mittel, zur Herde gemacht.

REMEMBERS: Zurück zu den Ereignissen des 2. Mais letzten Jahres: Wir können uns noch gut daran erinnern, wie am Abend der Tragödie die Vertreter der Odessaer Stadtverwaltung an den Ort kamen und mit grausamer Freude die «russischen Ausweise» in die Kameras hielten, die sie angeblich bei den Leichen gefunden hätten. Ist es wahr? Waren die Getöteten im Haus der Gewerkschaften wirklich russische Staatsbürger?

Oleg: Einer dieser Politiker war Aleksej Aleksejewitsch Gontscharenko, ein Abgeordneter aus Poroschenkos Partei. Und Sie können gerne die Liste der Verstorbenen anschauen und dort nach russischen Staatsbürgern suchen. Auf dieser Liste steht nur eine russische Bürgerin. Und selbst sie hatte damals nur ihre Verwandten in Odessa besucht. Sie alle sind in Odessa begraben.

REMEMBERS: Gemäß den offiziellen Angaben sind in Odessa am 2. Mai 2014 48 Menschen gestorben. Laut unseren Insider-Quellen in Odessa soll es jedoch mehr als 100 Todesopfer geben. Manche sprechen sogar von über 200. Wie viele sind nach Ihren Angaben an diesem unglücklichen Mai-Tag nicht mehr nach Hause zurückgekehrt? Und wie viele verließen auf diese Weise für immer ihre Verwandten und Geliebten — und zwar nur, weil sie sich gegen die neue, nicht von ihnen gewählte Macht sowie gegen den aufkommenden Faschismus ausgesprochen hatten?

Oleg: Wir führen unsere Untersuchung immer noch durch. Ich vermute auch, dass es mehr als 100 waren. Wir suchen nach Angaben der offiziellen Mitarbeiter der Miliz und Experten. Heutzutage haben sie aber Angst, auszusagen. Aber der Tag wird kommen und sie werden aussagen.

REMEMBERS: Einige unserer Quellen in Odessa haben uns sogar berichtet, dass es im Keller des Gebäudes um die 50 Menschen, über die keiner bis dato offiziell spricht, hingerichtet und erschossen wurden. Und danach soll der Keller zugemauert worden sein…

Oleg: Wir verfügen über noch schrecklicheren Zahlen und Beweise. Aber aktuell verfolgen wir den Weg der offiziellen Zusammenhänge der Beweiskette.

REMEMBERS: Uns ist bekannt, dass es eine s.g. „Unabhängige Untersuchungskommission 2. Mai“ gab, die aus Vertretern des Maidans und des Anti-Maidans bestand. Zu welchen Erkenntnissen ist es dieser Organisation heute gelungen zu kommen?

Oleg: Diese Kommission führt immer noch die Untersuchung durch und zu ihr zählt nur ein einziger Journalist, der uns unterstütz. Noch vor einer Woche bat ich die Kommissionsvertreter, eine Skype-Konferenz mit mir zu führen. Sie meinten aber, dass ich kein INTERESSANTER ZEUGE wäre. (Ich habe noch den Schriftverkehr.) Und einer dieser Vertreter sagte, dass man solche wie mich ERSTICKEN sollte. So viel zur Kommission und ihrer Arbeit.

REMEMBERS: Unglaublich… Also für uns markiert das Massaker in Odessa den Beginn des Genozides in der Ukraine. Und was denken die Menschen in Odessa über den Krieg in Donbass und wer dort mit wem kämpft?

Oleg: Odessiten denken nicht. Sie wissen es. Und die Mehrheit der Odessiten unterstützen die Donbass-Bevölkerung in ihrem Kampf gegen den Faschismus. Sie wollen jedoch, wie jeder logisch denkender Mensch auch, ihre Stadt nicht zerstört sehen. Dort in Donbass bringen Brüder ihre Brüder um. Der Donbasser Widerstand zählt übrigens viele Odessiten.

REMEMBERS: Nun… Nach dem Blutbad in Odessa leben Sie heute in Europa und kämpfen für den Informationsdurchbruch, damit die Welt die ganze Wahrheit über das Geschehene in Ihrer Heimatstadt erfährt. Was haben Sie in den vergangenen 12 Monaten erreicht und was nicht? Und aus welchen Gründen?

Oleg: Es ist sehr schwierig, die Informationsblockade zu durchbrechen, weil die großen Politiker in Europa dies nicht wollen. Erinnern Sie sich noch an die Tragödie in Paris, mit dem „Charlie Hebdo“? Ganz Europa ging auf die Straße, um damit seine Unterstützung und Beistand auszusprechen. Und wo war bitte Europa, als Odessa brannte, als Tausende in Donbass starben? Doppelmoral — das ist Europa. Ich habe 12 Länder bereist, habe mehr als 60 Treffen mit den europäischen Bürgern hinter mir. Und ich trat 3 Mal im europäischen Parlament und einmal vor der OSZE auf.

REMEMBERS: Und wie sehen dabei die Europäer «Ihre» Wahrheit? Interessieren sie sich überhaupt für diese Wahrheit?

Oleg: Einfache Menschen interessieren sich für die Wahrheit. Allerdings nur diejenigen, die sich dafür interessieren. Die meisten aber gehen an der Wahrheit gleichgültig vorbei. Der satte Europäer denkt, dass das, was in der Ukraine passiert, keine Auswirkungen auf ihn hat. Auch wir dachten es früher mal, als Jugoslawien, Libyen, Irak und Syrien bombardiert wurden.

REMEMBERS: Das ist wahr, Oleg. Haben Sie eigentlich Angst in die Heimat zurückzukehren? Schließlich werden heutzutage die Andersdenker nicht nur eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, sondern auch einfach umgebracht. Das geschieht nicht nur in Donbass, sondern auch mitten im Kiew, wie es beispielsweise vor einigen Wochen mit dem Journalisten Sergej Suchobok, dem Schriftsteller Oles Buzina oder auch mit dem Oppositionspolitiker Oleg Kalaschnikow der Fall war…

Oleg: Ich möchte so sehr nach Hause. Aber ich werde den Mördern keine Chance geben, noch eine Kugel gegen ein Leben einzutauschen. Ich werde heute in Europa mehr Nutzen für meine Stadt und für die Idee bringen, für die meine Mitstreiter starben und immer noch sterben. Die Statistik ist wirklich erschreckend: Allein seit dem 7. April 2015 wurden in Odessa um die 100 Menschen festgenommen. Und am 29. April waren es noch 18.

REMEMBERS: Erschreckend. Und beängstigend. Oleg, gehen wir jetzt kurz ein paar Jahre zurück: Zwischen 2009 und 2014 waren Sie Leiter der s.g. «Gesamtukrainischen Partei Heimat“ in Odessa. Für was haben Sie diese 5 Jahre gekämpft und welches Schicksal erwartet Ihre Partei heute? Die Partei war ja oppositionell, nicht wahr?

Oleg: Ich bin auch heute Leiter der Partei „Heimat“ in der Region Odessa. Unserer Ziel war und ist: Föderalisierung der Ukraine. Die russische Sprache soll wieder den Status der 2. Staatsspache erhalten. Wir sollen der Eurasischen Zollunion (Russland, Weißrussland und Kasachstan) beitreten. Wir vertreten auch die Ideologie des Sozialismus: Ehrung der Veteranen des 2. Weltkrieges, soziale Gerechtigkeit. Unsere Abgeordneten arbeiten heute noch in der Odessaer Stadtverwaltung mit. Ich bin Stellvertretender eines Abgeordneten im Stadtrat. Und heute bekam ich eine Einladung für die Mitarbeit im Stadtrat per Post.

REMEMBERS: So sieht also heute ihr «ganz normaler» Alltag aus. Hoffentlich können Sie mit Ihren Partnern auch vor Ort noch vieles erreichen. Eine Frage noch: Was soll Ihrer Meinung nach in der Ukraine passieren, damit der Faschismus und die Diktatur endlich ein Ende finden?

Oleg: Wenn die europäischen Politiker endlich einsehen, dass in der Ukraine ein Krieg geführt wird, der von der USA organisiert wurde. Und wenn sie verstehen, dass der Krieg die Zerstörung der gesamteuropäischen Wirtschaft zum Ziel hat. Nur dann wird die Finanzierung und Unterstützung des faschistischen Regimes in der Ukraine beendet. Nur dann kehrt der Frieden in die Ukraine zurück.

REMEMBERS: Anschließend würden wir gerne wissen, ob Sie unseren deutschen Lesern etwas Wichtiges mitteilen wollen?

Oleg: Ich möchte allen europäischen Völkern Frieden, Sonne und Freude wünschen. UND DAS ALLERWICHTIGSTE: LASST DEN FASCHISMUS NICHT DURCHKOMMEN!!!!

REMEMBERS: Oleg, vielen Dank für das Gespräch und für all das, was Sie tun, damit die Welt die Wahrheit über die postmaidane Ukraine erfährt. Viel Glück und Erfolg bei allen Ihren Vorhaben! Bis bald. Und für unser Odessa-Mütterchen einen herzlichen Gruß und einen friedlichen Himmel!

Oleg: Danke, euch ebenso.

Herzlichen Dank für die Übersetzung des Interviews an Marina F.

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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.