OKTJABRSKIJ: DIE ERKALTETE GLUT

0
116

 

REMEMBERS Gastbeitrag von Irina Laschkevich — einer Journalistin aus Odessa, die sich seit Monaten in Donbass befindet.
Auf der Suche nach Wahrheit.

«Donezk ist eine Riesenstadt. Donezk ist so groß, dass einige seiner Gebiete sogar Vorstädte genannt werden. Heute war ich in einer davon — in der Vorstadt Oktjabrskij im Nordwesten von Donezk, der sich vor einer Woche mitten in der Frontlinie befand.

Oktjabrskij ist ein Privatsektor. Aber das Besondere an Oktjabrskij ist, dass er direkt am Donezker Flughafen liegt: Bis zum alten Terminal und Feuerwehrturm bleiben nur 500 Meter. Darum ist Oktjabrskij zu einer Kampfarena und Zielscheibe zugleich geworden.

156 157 158 159 160 161      

Vor einer Woche hätte kein Taxifahrer gewollt, hierher zu fahren. Auch heute nicht, obwohl in Donezk seit einer Woche keine Explosionen zu hören sind. Nur der vierte Taxifahrer, den ich gefragt hatte, hat sich dazu entschlossen, mich auf die allseits berühmte und traurige Straße Stratonawtow zu fahren.

PayPal

Das Bild, das ich gesehen habe, ist erschreckend: In dieser Vorstadt ist es kaum möglich, ein nicht zerstörtes Haus zu finden. Die ganzen Straßen sind mit Granatensplittern, zerrissenen Kabeln und kaputten Bäumen übersät. Hier gibt es kaum mehr Menschen: Die Wenigen, die wir hier antreffen, haben riskiert, zum ersten Mal seit Monaten in ihre Häuser zurückzukehren. Sie kommen in ihre zerstörten Häuser, um ein paar Sachen, die noch heil geblieben sind, abzuholen. Dinge, die nicht verbrannt und/oder die nicht von Plünderern mitgenommen wurden.

In dem Hof eines zur Hälfte zerstörten Hauses habe ich einen 70jährigen Mann getroffen, den Herren des Hauses, der über meinen plötzlichen Besuch nicht verwundert war. «Fotografier mal die Tanne», — sagte er zu mir und zeigte auf den gefallenen Baum. «Das ist mein Schmerz! Diese Tanne war für unsere ganze Familie wie ein Mensch. Mein Vater hat sie noch nach dem 2. Weltkrieg gepflanzt. Wir haben uns jedes Mal zum Neujahr bei ihr getroffen».

Die Augen des Opas füllten sich mit Tränen: «Mir tut mein Haus nicht mal so leid, wie diese Tanne. Das Haus werden wir schon wieder aufbauen…»

Es ist schwierig sich die Kraft einer Granatenexplosion vorzustellen, mit der ein massiver Baum herausgerissen wird: Die Tanne ist wie von einer Säge abgesägt worden und auf das Nachbarshaus gefallen.
168163164

«Sie wurde durch Grad-Raketen getötet», — sagte der Mann. «Siehst du den Trichter? Dort, im Gemüsegarten, liegen noch drei solche. Es war ein starker Beschuss. Und vor dem Tor liegen noch ein paar frische. Es muss nach unserer Abfahrt gewesen sein. Kannst du die an den Poroschenko nach Kiew schicken?» Nachdem er sich seine Zigarette angezündet hat, erzählte er mir, wie schmerzhaft es ist, im Alter seinen Wohnsitz zu verlieren. Und dass Bekannte ihn nicht im Stich gelassen haben und bei sich aufgenommen haben. «Meine Seele schmerzt, wie ein Zahn, von Früh bis in die Nacht hinein. Die plündern hier überall. Deshalb bis ich hierher gekommen, um das zu holen, was noch übrig geblieben ist.» Der Opa musste tief durchatmen. Aber eigentlich hat er Glück im Unglück gehabt: Es scheint, dass nichts geklaut wurde.

Neben dem heruntergebrannten Haus wird versucht, die Gasleitung zu reparieren. Der Brigadier bat mich, ihn nicht zu fotografieren. «Ich bin nicht fotogen», — scherzt er. «Wärst du vor drei Tagen gekommen, hätte ich dich zu einer Oma gebracht. Sie hat hier in dem zerstörten Haus gelebt. Sie war ca. 90. Wir hatten ihr immer ein paar Lebensmittel gebracht, und Tee. Was zu essen hatte sie, aber im Haus war sehr kalt. Sie ist wahrscheinlich erfroren. Sie wurde beerdigt. Ich brachte ihr Lebensmittel und die Leute meinten — sie wurde schon begraben.»

Danach erzählte er mir die schreckliche Geschichte von Oktjabrsk. Die Einwohner, die es nicht geschafft hatten, zu fliehen, haben wochenlang in ihren Kellern verbracht. Der Stadtfriedhof wurde sehr beschädigt. Da geht man schon lange nicht mehr hin: Es könnten Minen herumliegen oder nicht explodierte Geschosse. Der Friedhof funktioniert seit Ende Mai nicht mehr, als der Widerstand seinen ersten Versuch unternommen hatte, den Flughafen zu erobern. Und da es keinen Friedhof mehr gibt, hat man die getöteten Einwohner einfach in ihren Gemüsegärten begraben…

Wir sind am Friedhof entlang gefahren. Und plötzlich — ein Wohnhaus. Die Fenster sind zugemauert, mit Holzplatten, mit Resten zerstörter Möbeln, aber aus dem Luftschacht steigt Rauch. Unglaublich! Es gibt noch Menschen, die hier leben.
166167165

Ich habe ans Tor geklopft (oder besser gesagt, an das, was davon noch übrig geblieben ist: Das Tor ist übersät mit Löchern von den Granatensplittern). Plötzlich fing der Hund, der dort angekettet war, zu bellen. Heißt also, dass hier jemand wohnt. Die Hunde haben eine Heidenangst in ihren Augen. Nur der Hunger zwingt sie, sich fremden Menschen zu nähern. Doch das Schicksal anderer war noch schrecklicher: Während die Menschen ihre Häuser verließen, vergasen bzw. schafften sie es einfach nicht, ihre Hunde mitzunehmen, und ließen sie somit an Kälte und Hunger sterben.

Nachdem ich gekloppt hatte, kam eine Frau, ca. 35 Jahre alt, im warmen Mantel heraus. Unter dem Mantel hatte sie einen warmen Pullover und eine warme Hose an. Auf mein Fotoapparat hatte sie sehr genervt reagiert: «Hören Sie auf zu fotografieren! Ich erlaube es nicht! Wo kommen Sie her?» Wie so oft, hilft manchmal, wenn man aus Odessa kommt. Nach wenigen Minuten unseres Gesprächs hat sich die Frau beruhigt und mich ins Haus eingeladen. «Ich schäme mich für nichts. Nehmen Sie ruhig auf, wie wir leben».

Im Haus herrschte eine vollkommene Dunkelheit (Fenster sind zugemauert). Nur dank dem Licht vom Ofen konnte man die Gegenstände erkennen. «Der Ofen ist gut. Ein Erbstück von meiner Oma», — erzählt Galina. «Gut, dass sie diese schrecklichen Zeiten nicht mehr erleben muss. Wir haben seit drei Monaten kein Licht. Unser Überleben haben wir der humanitären Hilfe der Donezker Volksrepublik zu verdanken».

Ich fragte sie vorsichtig, warum sie nicht weggefahren ist, warum sie in einem vollkommen durchgeschossenen Oktjabrsk geblieben ist?

«Wohin und warum überhaupt soll ich fahren? Das ist mein Haus, mein Boden, mein Land. Die können lange darauf warten. Die kamen hierher, um mich vor wen eigentlich zu beschützen??? Vor meinem eigenen Mann? Bin ich zu denen mit einer Kalaschnikow gekommen oder die zu mir? Bombardiere ich sie oder die mich? Für diese Fenster haben wir Kredit aufgenommen. Die ganzen Pakete mit den neuen Fensterscheiben liegen kaputt vor dem Tor. Wird Kolomojskij unser Kredit auszahlen, weil er die zerbombt hat?»

162

Ich habe schon oft gemerkt, dass Gespräche zwischen den Einwohnern und Journalisten eine Art Befreiung ist. Weil man sich die Sorgen und das, was man durchmachen musste, von der Seele reden kann. Doch über die schwersten Verluste reden die meisten nicht sofort. Zum Beispiel erfahren ich erst viel später, dass meine Gesprächspartnerin ihren Mann verloren hat… Der traditionelle Teil solcher Gespräche ist, dass die Menschen Poroschenko verfluchen. Die meisten dieser Leute denken, dass die Bewohner anderer Regionen des Landes gar nicht wissen, was sie hier anrichten. «Hier leben Menschen. Wieso verstehen die das denn nicht? Die töten nicht die russische Armee. Die gibt es hier nicht. Sie töten unsere Männer, unsere Söhne. Wie viele Alte sind schon durch die Bombardements getötet worden! Wenn diese «Kämpfer» das sehen könnten, was sie hier angerichtet haben». Hier hat Galja angefangen zu weinen. Und ich mit ihr mit.

«Magst du vielleicht Tee oder Kaffee?»-, fragt sie mich, während sie sich ihre Tränen abwischte. «Wir haben guten Kaffee da. Denke nicht, dass wir totale Hungerleider sind!» Ich lehnte es trotzdem ab. Draußen begann zu regnen und unter solchen Bedingungen war es einfach unmöglich, aufzunehmen. Und der Taxifahrer wollte auch wieder zurück in die Stadt.

Galja hat mich bis zum Tor hinaus begleitet. Sie schaute zu, wie ich ins Auto gestiegen bin. Dann kam sie näher und sagte: «Frieden für alle!»

Solche Sätze höre ich oft in Donezk — hier gibt es sie anstatt «Auf Wiedersehen!»

Auch wenn hier in Donbass seit über eine Woche nicht geschossen wird, kehren die Menschen nicht nach Oktjabskij zurück. Und nicht, weil ihre Häuser zerstört sind. Nur wenige glauben daran, dass dieser Frieden lange andauern wird. 

Aber irgendwann werden sie zurückkehren. Irgendwann werden sie ihre Häuser wieder aufbauen. Doch die Erinnerung an diese schrecklichen Tage bleibt und wird von Generation zu Generation weiter vererbt. Über dieses Grauen werden die Menschen von Donbass ihren Kindern und Enkeln erzählen. Genau so, wie uns unsere Omas und Opas über die Schrecken ihres Krieges erzählten.

Könnt ihr euch noch erinnern, wie unaufmerksam wir ihnen immer zugehört haben? Und genau für die Unaufmerksamkeit wurden wir bestrafft. Der Krieg ist in unser Haus gekommen. Unsere Generation muss jetzt dieses Grauen überleben und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Ob wir es verstehen werden? Die Zeit wird es zeigen. Doch von unseren Schlussfolgerungen hängt das Schicksal unserer Kinder und Enkeln ab.»

Quelle: http://timer.od.ua/statji/stinuschiy_pepel_oktyabrskogo_992.html 

***

Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.

Sie wollen auch einen Beitrag leisten im Kampf gegen den Völkermord in Donbass? Gerne. Unterstützen Sie unsere Aufklärungsarbeit in Deutschland und helfen Sie uns, zu helfen. Für Donbass. Gegen Genozid. Aber auch für unsere gemeinsame Zukunft — ohne Lügen, Fremdenhass und Krieg. Dankeschön. Eure REMEMBERS.