REMEMBERS EXKLUSIV: «DAS TRAUERMÄRCHEN VOM FRÄULEIN UKRAINE»

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Nicht nur die Zukunft der Ukraine gleicht heute einem Trümmerhaufen, sondern auch die letzten 24 Jahre ihrer Sucht nach Unabhängigkeit. Und zwar sowohl von Russland als auch vom Verstand.

Unser «Trauermärchen vom Fräulein Ukraine» stellt personifiziert und augenzwinkernd die Lebens- oder besser gesagt die Leidensgeschichte dieses Landes dar, die auf einer wahren Begebenheit beruht: Die Ukraine wollte sich im Laufe der letzten 2 Jahrzehnte ohne Wenn und Aber einen Prinzen aus dem Ausland angeln, der sie auf einem weißen Pferd direkt in die EU bringt. Wo sie jedoch stattdessen gelandet ist, ist wohl kaum zu übersehen: In einem Land, welches in Blut, Armut, Unrecht, Faschismus, Hass und Diktatur ertrinkt. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie dort noch heute.

 
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Eine junge Dame namens Ukraine wollte unbedingt heiraten. Nachdem ihr Vater sich vorzeitig in die ewigen Abgründe verabschiedet hatte, hat sie immer wieder ihre Unabhängigkeit beteuert. Dafür gab es sogar ein entsprechendes Dokument, welches dies bestätigte. Ihr lang ersehnter und heimlicher Traum war jedoch in Wirklichkeit ein sorgenfreies Leben in fremder Obhut zu führen. Und das, obwohl am Anfang keine Notwendigkeit dafür bestand. Somit erhielt sie von allen Seiten eine große Mitgift und begann ein neues Leben. Frei und unabhängig.

Ihr Vermögen verwaltete sie ganz nach ihrem Belieben, lernte neue Freunde kennen, investierte das Geld in zweifelhafte Projekte und verbrachte ihre Zeit in zweifelhaften Gesellschaften. Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass sich die junge Dame so ein Leben gar nicht leisten kann. Deshalb fand sie ganz schnell eine Lösung für ihre finanziellen Probleme: Ein Teil des Vermögens wurde zum Baren, ein anderer Teil wurde unbefristet vermietet. Doch das Geld reichte trotzdem beim Weiten nicht aus.

Dann fiel ihr ein, dass ihr Nachbar ein entfernter Cousin vor ihr ist, mit dem sie früher vieles gemeinsam hatte. Deshalb war sie ab sofort immer öfters bei ihm zu Besuch. Eigentlich hätte sie auch ihn heiraten können, wobei er definitiv nichts dagegen gehabt hätte. Aber die junge Frau, die sich an ein zügelloses Leben gewöhnt hat, mochte seinen strengen Charakter, seine patriarchalische Lebenseinsichten, seinen Familiensinn sowie seine Liebe zur Ordnung nicht. Aber auch seine Ähnlichkeit mit einem Bären gefiel ihr überhaupt nicht.

Aus diesen Gründen zeigte sie ihm immer wieder, dass es zwischen den beiden niemals etwas werden könnte. Zum Beispiel wenn sie immer wieder zwischendurch auf ein Tässchen Tee bei ihm vorbeischaute und sich nebenbei Geld auslieht, welches sie ständig vergas, ihm zurückzubringen. Mittleiweile schuldet ihm das unverschämte Mädel ein enormes Sümmchen.

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Sie selbst träumte aber von einem Prinzen. Einem Prinzen von weit her. Kräftig und fein sollte er sein. Am besten ein edler Engländer, zurückhaltender Deutscher, stillvoll gekleideter Franzose, temperamentvoller Spanier und schlagkräftiger Italiener in Einem. So einen hatte sie sogar schon mal zu Besuch. Damals hatte sich aber herausgestellt, dass ihm mehr ihr Wohnraum gefallen hat, als sie selbst. Und außerdem interessierte er sich kaum für Frauen, was ja heutzutage kein Problem ist. Doch nur die alten Watniki (abwertend für «Russen») können es aus ihrer Sicht bis heute nicht verstehen. Die Ukraine, die ja unbedingt ihrem potenziellen Heiratskandidat gefallen wollte, nickte ihm zustimmend zu, doch anscheinend nicht überzeugend genug. Der potenzielle Bräutigam bemerkte dies wohl und kaufte ihr nur ein paar Fabriken ab — zum Preis von einer heruntergewirtschafteten Farm — und winkte ihr zum Abschied sogar gelangweilt zu. Und dann war er für immer verschwunden.

Nun war die Ukraine erfahrener. Zum einen hat sie sich mit den neuesten ausländischen Gewohnheiten bekanntgemacht. Einige von ihnen mochte sie jedoch ganz und gar nicht. Und weil sie ihr fremd waren und ihrer Erziehung widersprachen, bekam sie davon soagr nervöse Zuckungen. Doch der Heiratswunsch war stärker!

Zum anderen musste sie jetzt ihren Nachbar meiden. Denn ihm fielen ihre krankhaften Veränderungen auf. Deshalb fing er an, ihr bestimmte Lektionen über Käse zu lesen, welcher komischerweise nicht, wie üblich, im Kühlschrank liegt, sondern in einer Mäusefalle. Außerdem, machten ihr seine Geschichten über irgendwelche junge Damen mit merkwürdigen Namen wie Jugoslawien und Libyen Angst. Und das ging ihr tierisch auf den Geist. Die Ukraine knurrte ihn immer wieder an:

„Belehre mich nicht zu leben! Hilf mir lieber finanziell!“.

Also lieh sie sich, wie üblich, wieder 3 Milliarden bis zum nächsten Gehalt aus und eilte nach Hause. Und dort… Sie öffnete ihr Email-Postfach und konnte ihren Augen nicht trauen: Jemand mit dem Namen „Europäische Union“ macht ihr einen Antrag! Einen Heiratsantrag!!! Plötzlich wurden die Buchstaben zu Sternchen, die einen Kreis vor ihren Augen bildeten. Ohne sich den genaueren Inhalt durchzulesen, schickte sie sofort die Antwort ab — ein einziges Wort: «Einverstanden!!!»

Ab da zogen sich die Minuten des Wartens in die Länge. Doch plötzlich gab der Computer endlich das typische Geräusch von sich und die Ukraine las, ohne zu atmen:

„Ich fahr los, warte auf mich!!!

P.S. Setze schon mal das Wasser für den Tee auf. 

Ich bringe die Kekse mit“. 

Diese umwerfende Nachricht musste einfach geteilt werden! Die junge Dame, voll aufgeregt vor lauter neuen Perspektiven in ihrem Leben, lief mit leuchtenden Augen zu ihrem Nachbar. Dieser jedoch konnte ihre Aufregung komischerweise nicht teilen. Ganz im Gegenteil: Er wurde plötzlich trübsinnig, was ihn noch strenger aussehen ließ. Er stellte ein paar Fragen, auf die er nur konfuse und verworrene Antworten erhielt. Deswegen beendete er das Gespräch mit «Dummkopf!», knallte die Tür zu und war weg. Er geht immer in die Taiga, um seinen Ärger abzubauen oder um nachzudenken.

Die Ukraine dagegen zuckte mit den Achseln und ging beflügelt nach Hause. Schließlich muss sie ja ihre Mitgift vorbereiten. Sie schaute sich alle ihre Truhen und Schatullen an und war etwas enttäuscht und sogar verblüfft. Es stellt sich nämlich heraus, dass sie in den Jahren des unabhängigen Lebens ziemlich viel an ihrem Erbe eingebüßt hatte. Diesmal traute sie sich jedoch nicht, ihren Nachbarn um das Geld für eine neue Garderobe zu bitten. Die Überreste ihres Stolzes und klaren Verstandes hielten sie wahrscheinlich davor ab. Nun musste sie einen Kredit aufnehmen. Gegen drakonische Prozente. Das betrübte sie aber nicht. Denn sie dachte sich:

„Das macht doch nichts! Wenn ich verheiratet bin, zahlt mein Mann das alles einfach ab!»

Dieser Gedanke begeisterte sie so sehr, dass sie das Maximum für sich herausholte. Allerdings reichte dieses Geld weder für lange noch für vieles aus. Somit musste sie nochmal zur Bank. Und dann noch einmal. Und nochmal… Die glückliche Braut hatte aber keine Zeit, um über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. Denn bis zur Ankunft des Bräutigams blieb nicht mehr viel Zeit.

Und nun kam endlich dieser Tag. Die Ukraine war unbeschreiblich zufrieden und stand seit dem frühen Morgen am Toreingang. Angezogen in all die teuersten und neuesten Klamotten, die sie (noch) hatte. Zum hundertsten Mal hörte sie sich die Beethovens „Ode an die Freude“ an.

Dabei konnte sie aus dem Augenwinkel sehen, wie ihr Nachbar schmunzelte, aber in dem Moment war es ihr völlig egal. Denn ihr Lebenstraum war kurz davor, wahr zu werden.

Endlich kam der Festzug in Sichtweite. Die Anzahl der schwarzen Autos mit verhangenen Fenstern rief bei ihr auf den ersten Blick allerdings ganz andere Assoziationen auf. Aber… die Ukraine winkte ihre Gedanken einfach ab und lächelte extra strahlend, um die lieben Gäste gebührend empfangen zu können.

Es kamen so viele Gäste, dass sie nicht einmal verstand, WER sie jetzt eigentlich genau heiraten wollte. Das spielte aber keine Rolle mehr. Denn sie wäre heute jedem dankbar dafür. Die Gäste kamen ins Haus und legten irgendwelche Papiere auf den Tisch. Dann räusperte sich einer von ihnen, schaute die verwirrte Ukraine abschätzend an und begann, in ihrer Sprache, mit einem starken polnischen Akzent, mit ihr zu reden.

Die Ukraine hörte erschauend zu und lächelte beharrlich weiter. Es stellte sich heraus, dass der Entschluss zu heiraten nicht mal abgesprochen war und somit übereilt gewesen. Die Europäische Union hat sorgfältig ihre Papiere, das Bankkonto und die Steuererklärung studiert und kam zu dem Entschluss, dass die Braut nicht zu ihm passen würde. Man hätte sie natürlich auch schriftlich darüber in Kenntnis gesetzt, wäre da jedoch nicht ein kleines „Aber“: Die Kredite, die Ukraine so begeistert annahm, wurden von der Bank des Bräutigams erteilt. Außerdem waren alle Tilgungsfristen schon längst überschritten. Somit war jetzt auch noch das Bußgeld fällig.

Der Gast, der sie vor einer Minute noch an einen Weihnachtsmann erinnerte und jetzt eher an einen Goblin, hielt eine dramatische Pause ab und nannte nun die Summe, von der der Ukraine plötzlich schummrig vor Augen wurde. Zwar sah er ihre Verwirrung, hielt jedoch seine Henkersrede weiter ab. Da er die schwierige Lage der Frau Ukraine kennen würde, bot er ihr (eigentlich empfiehlt er es ihr beharrlich)… eine Rückerstattung in Naturalien an. Sie solle aber keine Angst davor haben, denn es werde ihr nicht wehtun.

Dieser Vorschlag scheint heute nicht der schlimmste von allen gewesen zu sein, wenn man ihre jetzige Situation in Betracht zieht. Letztendlich ist es besser für sie, eine Naturalienabbezahlung freiwillig einzuleiten, als den Rest ihres Lebens den Schuldenberg abzuschaufeln. Als Bonus bot man ihr an, sogar eine Serie über sie zu drehen. Diese werde zwar nicht von Hollywood verfilmt, aber sie sei ja auch keine Audrey Hepburn…

Die Fenster der Nachbarin sind nun schon seit einer Woche dunkel. Obwohl der Bär keine hohe Meinung über seine alte Freundin hegte, sorgte er sich dennoch um sie. Zwar ist sie ein «Dummkopf», aber man ist ja schließlich verwand und stand sich einst so nah. Er rauchte seine dritte Zigarette auf, ging zur Tür und klopfte an. Die Tür war nicht verschlossen. Ihr Haus war lange dunkel und nicht mehr beheizt, was seine Ängste bestätigte… Auf dem Tisch lag ein Stapel von Rechnungen. Auf jeder Rechnung war ihre breitförmige Unterschrift zu sehen. Eine fast leere Keksdose stand auch noch da. Er fluchte leise und ging zurück. Nach Hause. Um Nägel und Hammer zu holen. Die Tür sollte lieber zugenagelt werden. Denn er war sich sicher, dass dieser «Dummkopf» eines Tages auf jeden Fall zurückkommen wird.

Autor: Julia Vitjazewa

Beitrag @REMEMBERS & Marina F. (Übersetzung)

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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.