REMEMBERS EXKLUSIV-INTERVIEW MIT EINEM «ENGEL»

2
216

886

Unser Partner in Sachen Organisation und Verteilung der Hilfsgüter in Donbass Alexey Smirnov ist ein namhafter Regisseur aus Russland. Seit rund einem Jahr ist er in den heißesten Regionen des Bürgerkrieges unterwegs. Jedoch nicht auf der Suche nach dem besten Schnappschuss oder Drehmoment, um aus der herzzerreißenden Leidensgeschichte der Donbass Bewohner Ruhm und Bares für das eigene Ego zu machen. Seine einzige Berufung heute im Osten der ehemaligen Ukraine ist, den unschuldigen, vom Krieg und Leid gezeichneten Menschen das Überleben zu retten. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Dafür hat Alexey eine humanitäre Gruppe aus freiwilligen Helfern gegründet — unter dem Namen «Engel» (russ. «Angel»). Ihre Mission: Die in Kriegsnot geratenen Familien, Frauen, Kinder, Rentner und Kranke in Donbass vorm Hungertod zu bewahren sowie vor den Beschüssen der Kiewer Truppen und gnadenlosen Nazi-Bataillone zu schützen. Und somit vor weiterem Genozid.

Einerseits bringen Alexey und sein Team die Menschen aus den Brennpunkten des Krieges in Sicherheit, teilweise sogar in die Russische Föderation, was nicht selten unter einem ununterbrochenen Hagel- und Artilleriefeuer geschieht. Andererseits kämpften die «Engel», mit Hilfe von Spendengeldern, überwiegend aus Russland, gegen die Hungersnot sowie humanitäre Katastrophe und Blockade in diversen Donbass Regionen der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Monat für Monat, Woche für Woche, Tag für Tag, Stunde für Stunde.

Deshalb sie wir unglaublich glücklich darüber, so einen barmherzigen Menschen wie Alexey an unserer Seite zu haben, um gemeinsam mit ihm, seinem treuen Team und natürlich euch, unsere lieben REMEMBERS, einen kleinen, persönlichen Beitrag zur Rettung des Überlebens der Donbass Bevölkerung leisten zu können.

PayPal

Unsere REMEMBERS Partnerin Maria Janssen von der Mahnwache München, die zum Zeitpunkt unserer Spendenaktion mit ihrem Team ebenso in Donbass war, u.a. zum Verteilen von Sachspenden aus Deutschland, hat speziell für uns ein Exklusiv-Interview mit Alexey geführt und ihm Fragen gestellt, die uns brennend interessiert haben. Sowohl zu seiner Mission, zur aktuellen humanitären Lage in der Kriegsregion als auch zu unserer gemeinsamen Spendenaktion. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal bei Maria und Alexey herzlich bedanken. Für unseren gemeinsamen Kampf. Für Donbass. Gegen Genozid.

Und auch, wenn Alexey zu Beginn des Interviews auf einige unserer Fragen mit Humor geantwortet hat, ist der Ernst der Lage — sowohl in seinem Herzen als auch vor Ort — kaum zu übersehen bzw. zu überhören.

Alexey: Guten Abend, liebe Freunde. Wir befinden uns gerade in Donbass. Nur heute und nur jetzt habt ihr gerade die Möglichkeit, an der Aktion „Hilf Donbass“ teilzunehmen. Ihr könnt damit etwas Gutes tun. Wir laden euch in unseren «Engelsbataillon» ein. Tretet uns bei und wir machen aus euch echte Unteroffiziere des Bataillons «Engel».

REMEMBERS: Die erste Frage zu diesem Thema. Alexey, eure humanitäre Freiwilligengruppe heißt „Engelsbataillon“. Bedeutet es also, dass ihr euch für Engel haltet?

Alexey: Nein, wir halten uns nicht für Engeln. Wir sind weit davon entfernt, Engel zu sein. Einige von uns rauchen sogar und die meisten essen Sonnenblumenkerne. Wir denken zwar im Frühling über etwas Wichtiges im Leben nach… Aber nicht wir haben uns die Engelsflügel verliehen, sondern die Menschen. Ich weiß nicht, welche Ähnlichkeit wir mit den Engeln haben sollten. Schaut euch doch alle diese Leute hier an! Meiner Meinung nach sind sie beim Weiten keine Engel. Aber natürlich haben sie alle auch etwas Gutes an sich.

REMEMBERS: Wie lange seid ihr schon hier und wie viele solche Engel, wie Sie es sind, gibt es eigentlich hier?

Alexey: Solche Engeln wie wir? Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht… wir sind um die 20. Das ist natürlich nicht die „Himmelhundertschaft“*, aber wir sind immerhin 20.»

REMEMBERS: Wann haben Sie sich dazu entschlossen, Ihr bequemes Sofa in Moskau zu verlassen und hierher, nach Donbass, zu kommen? Und was war dabei die treibende Kraft für Sie?

Alexey: Naja, mein Sofa war viel zu weich. Und dann entstanden Risse auf dem Sofa. Und als mein Sofa dann nicht mehr so weich war, entschloss ich mich aus diesem Grund irgendwohin zu fahren. Das war’s auch. Das ist die ganze Geschichte.

REMEMBERS: Hat Sie also ihr Herz oder vielleicht doch das Geld vom Onkel Wowa (Wladimir Putin) dazu bewogen, nach Donbass zu kommen? Oder haben Sie hier Verwandte, Bekannte?

Alexey: Nun, als meine Sofa kaputt ging und ich gerade in dem Moment auf den Onkel Wowa schaute… Da dachte ich, dass ich vielleicht das Sofa hätte verkaufen sollen. Da aber das Sofa sehr billig war, habe ich verstanden, dass man noch etwas braucht, damit Onkel Wowa uns hilft. Wir wandten uns an den Onkel Wowa, aber er wollte lieber seine Neutralität bewahren. Deswegen ist Onkel Wowa für uns wie ein Bruder, wie ein Partner. Aber Partner im Sinne der höheren Geistlichkeit. Er ist so zu sagen unser geistlicher Anführer. Er ist unsere Inspiration, unser ganzes Geld dafür aufzuwenden.

887

REMEMBERS: Und wo von leben Sie und für was kämpfen Sie dann hier? 

Alexey: Wir leben von gar nichts… Für was wir hier kämpfen? Wir kämpfen für die Gerechtigkeit. Und mit Sicherheit nicht für die amerikanische Demokratie. Wir sind hier, um die Zivilbevölkerung von den Beschüssen, vor Hunger und vor Kälte zu retten. Und im Ernst: Die Region ist in einem Zustand der humanitären Katastrophe. Hier kommen keine Nahrungsmittellieferungen an. Es ist praktisch wie damals bei der Blockade in Leningrad. Es ist eine Leningrad-Blockade, Tel 2. Ich denke, es wird aber noch schlimmer werden als es damals in Leningrad war. Weil hier viele Menschen sterben, ohne von der Welt wahrgenommen zu werden. Es interessiert einfach niemanden. Vor allem Europa und den Westen nicht. Ich denke, dass insbesondere Deutschland und Angela Merkel sich gar nicht dafür interessieren. Angela sitzt wahrscheinlich auf ihrem warmen, bequemen Sofa und fühlt sich wundervoll. Aber hier sterben Menschen. Die OSZE legt uns nur Steine in den Weg. Ich verachte sie! Weil sie sich hier nur um die Ausführung ihrer eigenen Funktionen kümmern und nicht um die Menschen. Aus diesen Gründen kämpfen wir hier, damit mit unserer Hilfe einfach mehr Menschen überleben können.

REMEMBERS: Das haben Sie wirklich gut gesagt. Wie genau helfen Sie den Menschen in Donbass und in welchen Brennpunkten des Krieges waren Sie schon hier?

Alexey: Ich würde gern hier auf Deutsch antworten. Wenn Sie wissen, was «Arsch» ist, dann ist Donbass genau dieser Ort. Das ist der Brennpunkt an sich. Aktuell sind alle Ortschaften in Donbass Brennpunkte. Es sind Orte, die entweder die humanitäre Katastrophe oder die Beschüsse erleiden. Also den Waffenstillstand… Überall, wo wir hinkommen, überall wird es immer noch geschossen. Es finden überall Kämpfe statt — sowohl in der Donezker als auch in der Lugansker Volksrepublik. Der Waffenstillstand wird kaum eingehalten. Nichtsdestotrotz fahren wir überall hin, in alle Ortschaften. Momentan ist es zwar etwas ruhiger geworden, aber bald werden die Kämpfe sicherlich mit neuer Intensität wieder aufgenommen. Wir fahren überallhin: Gorlowka, Jassinowataja, Jenakiewo, Uglegorsk, Debalzewo. Als es den Debalzewo-Ring gab, haben wir dort alles unter den Beschüssen abgefahren. Wir fahren überall hin, in die schlimmsten Brennpunkte, die schrecklichsten Orte. Weil sich sonst keiner dahin traut.

888

REMEMBERS: Welche persönliche Geschichte hat sie am meisten bewegt? Sowohl positiv als auch negativ?

Alexey: Nun, wir erleben hier täglich so viele Geschichten. Es würde kein Buch ausreichen, um sie niederzuschreiben. Das letzte Mal haben wir zum Beispiel eine Familie mit 7 Kindern rausgebracht. Eine Mutter mit 7 Kindern. Wir haben sie aus der Gegend weggebracht und nur ein paar Stunden später wurde ihr Haus komplett — bis Schutt und Arsche — beschossen. Diese 7 Kinder entkamen dem Tod praktisch um ein paar Stunden. Einerseits ist es natürlich eine traurige Geschichte. Aber andererseits auch eine Freude bringende Geschichte. Denn der Gott, oder die Prophezeiung, oder die Menschen, die für uns betten, helfen uns, in solchen Situationen Flügeln zu erlangen. Es fließen weniger Tränen, weil wir diese Menschen hier wegbringen.

REMEMBERS: Erzählen Sie uns bitte, wie sieht ein ganz normaler «Engel»-Tag in Donbass aus.

Alexey: Um 8 Uhr – Joggen. Um 9 Uhr sind wir an der Lebensmittelverteilungsbase. Und um 10 Uhr fahren wir schon mit den Lebensmitteln los. Um 12 oder 13 Uhr sind wir an einem der zerstörten Orte. Dann verteilen wir mehren Stunden lang die Lebensmitteln. Manche werden von uns aus den Ortschaften rausgefahren. Manchen geben wir Geld für die Operationen, weil es hier viele verschiedene Notfälle gibt. Und abends kommen wir zurück, essen etwas und fallen halbtot ins Bett.

 

REMEMBERS: Ukraine bezeichnet Menschen, denen Sie helfen, als «Untermenschen», die ihr Schicksal auf dem Territorium der ehemaligen Ukraine verdient haben. Was würden Sie diesen Menschen sagen oder erzählen?

Alexey: Ihr wisst ja: Jedes gesäte Samen wächst zu etwas heran. Zu was die neue ukrainische Generation in den letzten 20 Jahren herangewachsen ist, sehen wir gerade. Wir sehen, wie alle Seiten der Geschichte verbrannt werden. Die glorreichen Seiten der Sowjetunion und die des Kampfes gegen den Faschismus usw. Und alle unsere Vorfahren, die damals gekämpft haben, schämen sich jetzt, ihre Medaillen in der Ukraine zu tragen. Das alles zeugt davon, dass das Land verkauft wurde. Die Ukraine ist nach einem guten Hollywood Szenario verkauft worden. Man hat UNS „Kolorady“2 genannt und sie — „Faschisten“ usw. Es ist also ein provozierter Krieg. Das ist keine Verkündung des stürmischen Volkswillens gewesen. Das war nur ein Putsch nach einem Plan, der, wie ich glaube, aus Amerika stammt. Ich weiß nicht, wer der Producer war — ob Jeremy Bruckheimer oder eher Tinto Brass — aber es ist traurig, all diese Menschen anzuschauen. Ich kann nur Eines sagen: Es gab Menschen, die im Westen der Ukraine saßen und „Heil der Ukraine»“ schrien, während hier Kinder getötet wurden und wir sie begruben. Oder während wir hier diese rausgerissenen Ärmchen und Beinchen sehen mussten.

Ich denke, ihr werdet dafür -früher oder später — Verantwortung tragen müssen. Glaubt mir: Eurer Schweigen ist nicht nur eine Äußerung der Gleichgültigkeit, sondern schweigende Zustimmung zum Morden. Ich persönlich hasse Faschisten. Und wir sind darauf vorbereitet, diejenigen zu töten, die unsere Kinder töten. Die guten Menschen werden wir aber NIE anfassen. Und wir werden NIE in die fremden Häuser gehen, um andere Menschen zu töten — einfach so, um sich mit Fleisch und Blut vollzufressen, wie es die Faschisten tun.

REMEMBERS: Haben Sie eigentlich hier Ihre russische Armee gesehen?

Alexey: Wisst ihr: Wir laden von Zeit zur Zeit «Computer Contrastrike» hoch. Dort gibt es einen Modus „Russian Infantery“ oder „Russian Army“. Nur auf diesem Wege versuchen wir der russischen Armee zu helfen. Weil wir sie hier in den ganzen 8 Monaten noch nicht ein Mal getroffen haben. Wir versuchen zwar, sie zu finden. Und in unseren Computern taucht sie ab und zu mal auf. Aber sie ist wie ein Geist, der an der Frontlinie in den Kämpfen sitzt. Sie ist wie die «Kiborgs»3 am Donzker Flughafen. Wie Schatten, den «Motorola»4 und Putin jeden Tag umbringt. Sie ist wie das «Rostower Gebirge» oder das «Weißrussische Meer», die von Zeit zu Zeit im Kopf von Jane Psaki, der Sprecherin des amerikanischen Außenministeriums, auftauchen. Die russische Armee gleicht diesen Geschichten. Ich denke, sie ist die neueste russische Waffe, die einfach unsichtbar ist. Sie sind wie ein Schatten: Man sieht sie, aber die gibt es nicht. Wie Zieselmäuse.

 

REMEMBERS: Unsichtbare Mäntel also!

Alexey: Ich denke, schon.

REMEMBERS: Harry Potter!

Alexey: Ich haben das Gefühl, sie sind irgendwo unter uns. Man sieht sie aber nicht. Und trotzdem sind sie hier irgendwo. Ich spüre hier so etwas wie einen Rauch von Zeit zur Zeit, aber ich kann nicht mit Sicherheit sagen, was es ist. Vielleicht ist es die Wirkung des «Rostower Gebirges» oder des «Weißrussischen Meeres» auf mich. Vielleicht verursachen sie bei mir Halluzinationen. Aber Sie wissen ja: Die meisten, die hier kämpfen, sind Bergarbeiter. Sie leiden wahrscheinlich permanent am Luftmangel. Vielleicht wirkt es auf die so, dass sie hier überall die russische Armee sehen. Und die ukrainische Seite kann es ja noch viel besser sehen, weil wir hier die ukrainischen Journalisten so selten zu Gesicht bekommen. Und wenn wir sie hier doch mal sehen, dann taucht immer sofort die russische Armee auf. Somit ist es schwierig über den Umfang der russischen Armee hier zu urteilen. Äußerst schwierig.

REMEMBERS: Was glauben Sie, wie viele Menschen heute in Donbass hungern und was könnte Ihnen helfen, zu überleben?

Alexey: Ich denke, dass um die 90% hier hungern. Genau gesagt, die Nahrungsmittel, an die die Menschen gewohnt sind, fehlen einfach. Wenn wir über Donezk und Lugansk sprechen. Der Maßstab dafür ist für mich, wenn solche Hauptstädte wie Donezk und Lugansk einen Mangel an Nahrungsmitteln in Geschäften aufweisen. Dann ist es ein Zeichen von Tragödie. Es gibt aber auch Ortschaften, die gar nicht mit Lebensmitteln versorgt werden — weder über Geschäfte noch über die humanitären Konvois. Deshalb wird hier bald etwas ganz Schreckliches passieren.

REMEMBERS: Kam es schon mal vor, dass Sie auch den ukrainischen Soldaten helfen mussten? Und wenn nicht: Würden Sie es tun, wenn sie danach gefragt werden?

Alexey: Wisst ihr, es hängt immer von der Anfrage ab. Wenn uns ein ukrainischer Soldat bitten würde, ihn aus einer Ortschaft heimlich herauszufahren, dann würden wir es nicht tun. Wenn er uns aber bitten würde, etwas zu essen zu bekommen oder wenn er verletzt wäre, dann würden wir ihm natürlich helfen. Weil es für uns weder „Unsere“ noch „Fremde“ gibt, wenn jemand in Not ist. Wenn aber sie auf Drogen sind und Kinder sowie auch Widerstandskämpfer, also ihre Brüder, umbringen, dann sollten sie natürlich vors Gericht kommen usw. Wenn sie jedoch hilflos sind, in Gefangenschaft geraten und anfangen zu jaulen, dass sie nicht wussten, wen sie mit ihren Artilleriegeschossen beschießen und dass man sie alle belogen hätte usw., dann sind sie natürlich nur zu bemitleiden.

REMEMBERS: Haben Sie sich gewundert, als sie einen Anruf aus Deutschland von European Front/REMEMBERS erhalten haben, mit der Anfrage über eine mögliche Zusammenarbeit?

Alexey: Im Großen und Ganzen Ja. Denn ich bin es eigentlich gewohnt, dass Deutschland und die anderen Länder von der ukrainischen Propaganda zombiert sind. Ich empfehle euch den Film „Krim. Der Weg in die Heimat“ anzuschauen. Wladimir Putin verneint dort nicht die Teilnahme an dem, was viele als „Annexion“ bezeichnet wird. Wir nennen es aber „Die Rückkehr in die Heimat“. In dem Film sieht man, wie es zu dem militärischen Putsch in Kiew kam und was da geschah. Stellt euch mal vor: Wenn es einen Putsch gegen Putin gegeben hätte, würden die Menschen überall in Russland ihre Heimat verteidigen. Auf gar keinen Fall würden wir es zulassen, dass irgendwelche Faschisten die Menschen terrorisieren und die Kinder umbringen. Wir sind Russen. Wir werden unsere Menschen nicht im Stich lassen. Und dass die anderen es verschlafen haben und sich der ukrainischen Junta untergeben haben — das ist nicht männlich. Es ist eine Generation, die unfähig ist, für ihre Freiheit zu kämpfen und ihre Familien zu beschützen. Denn was würde ein Mann tun, wenn jemand in sein Haus kommt und anfangen würde, sein Kind zu vergewaltigen? Würde er dann einfach daneben stehen und abwarten? Oder sagen „Ich verstehe nicht, was passiert“?..

Ich kenne z.B. solche Jungs… Einmal kam eine junge Frau hier in Donbass zu mir und sagte „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wir saßen mit 2 Kindern zu Hause und haben zu Abend gegessen. Auf einmal schlägt ein Geschoss in unser Haus ein. Mein Mann sprang praktisch aus dem Fenster raus und lief weg. Ich sah ihn 2 Tage lang nicht. Wie soll ich ihn jetzt als einen Mann respektieren?“ Und die Mehrheit der Männer aus dem Westen, ich möchte jetzt niemandem etwas unterstellen… Aber wenn die Faschisten zu euch kommen werden, um eure Kinder zu vergewaltigen, dann werdet ihr euch die Frage stellen, warum Donbass aufgestanden ist. Donbass stand nie auf den Knien und wird sich auch nie niederknien.

 

REMEMBERS: Wie verlief eigentlich eure gemeinsame humanitäre Aktion und wie viele Zivilisten in Donbass konntet ihr mit Hilfe der deutschen Bevölkerung satt machen, aus Ihrer Sicht?

Alexey: Grundsätzlich versorgen wir täglich 300-500 Menschen mit Essen. Diese Lebensmittel reichen jeder Familie im Durchschnitt für eine Woche. Zudem haben wir in rund 8 Monaten über 15.000 Menschen aus zerbombten Häusern und Ortschaften nach Russland gebracht, was der Bevölkerungsanzahl einer Kleinstadt entspricht.

Was die Hilfe aus Deutschland angeht: Wir haben letztens gemerkt, dass man nun begonnen hat, auch von Deutschland aus zu helfen. Das ist eine sehr gute Entwicklung. Denn es ist egal, welcher Nationalität du bist, wenn du ein Herz hast und Mitgefühl empfindest — du könntest heute 500 Rubel oder 50 Rubel oder eine andere Währung nehmen und uns überweisen. Man kann auch Pakete mit Produkten schicken oder mitbringen. Dadurch wird auf jeden Fall jemand gerettet. Man sollte verstehen, dass es keine Tragödie eines kleinen Ortes ist, sondern eine Tragödie mit Weltmaßstäben ist, wie im Gaza-Streifen oder in Afghanistan. Es passiert auf unserem Planeten, wo wir alle ohne Waffen hinein geboren wurden.

REMEMBERS: Was glauben Sie, wann wird dieser Krieg zu Ende sein?

Alexey: Ich denke, er wird noch ungefähr 3 Jahre weiter gehen.

REMEMBERS: Haben Sie Angst davor, dass es mit Hilfe von Weltgemeinschaft einen zweiten Donbass in Russland geben könnte?

Alexey: Ich denke, es könnte überall auf der Welt ein zweiter Donbass geschehen, wenn die Weltgemeinschaft nicht versteht, wer „Unser“ und wer „Fremder“ ist. Denn man könnte auch einen sehr guten Film drehen, ihn anschauen und sich sehr gut ausheulen. Aber wenn es um das Sterben vieler Menschen geht, dann ist es schon eine Tragödie. Und wenn das Szenario der Tragödie sehr gut war, dann sollte man mit dem Regisseur ein sehr gutes Gespräch führen. Ich denke: Wir alle verstehen, wer der Regisseur ist. Aber die ganze EU, und der ganze Westen, und alle Länder sollten jetzt daran denken, dass mit Hilfe ihrer schweigenden Unterstützung am Mord dieser Menschen ein tragisches Szenario durchgeführt wird. Und dieses Szenario wird natürlich nach Russland und in die ganze Welt kommen. 1941 haben unsere Vorfahren ihr Leben dafür gegeben, diesen Dreck zu ersticken. Und hier ist es das Gleiche: Wenn wir jetzt den Dreck nicht ersticken, dann würde dieser Dreck sich ausbreiten. Und dann werden die «Engel» wirklich gegen die Dämonen kämpfen müssen. Man kann es nicht anders nennen.

REMEMBERS: Denken Sie eigentlich, dass der Propagandakrieg auf den beiden Fronten geführt wird?

Alexey: Wisst ihr, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass in Russland keine Propaganda gibt. Aber versteht bitte, dass wir dieser Art von Informationspropaganda schon verloren haben. Ich erkläre euch, wie es passiert ist. Amerikaner haben viele Videospiele erlassen, wie «Call of Duty» usw., in denen die Russen sagen „Vorsicht! Die Amerikaner kommen!“ Und man spielt in den Spielen auf der amerikanischen Seite, und man bringt in diesen Spielen Russen um. Menschen denken darüber nicht nach, aber es ist so. Das sind Spiele im Stil von «ViceCity»… Das sind Spiele, die lehren, Gewalt anzuwenden, und die den Umgang mit Waffen näher bringen. Hauptsächlich mit amerikanischen Waffen. Auch das ist eine Popularisierung der Waffen. Aber auch eine Popularisierung des Amerikanismus, der zu uns nicht nur durch solche Videospiele, sondern auch durch Lieder, Bücher und natürlich hautsächlich Hollywood kommt. «Best of the best of the best, I am an American soldier»… Man zeigt uns, die Russen, als schwache Banditen in Mützen, die sich mit Bären umarmen und, total betrunken, sich selbst mit Granaten bewerfen. Während die Amerikaner immer disziplinierte Kämpfer sind, die bereit sind, im Alleingang eine Menge Russen zu töten. So entsteht eine Unterdrückung der Russen oder der slawischen Menschen an sich. Das ist natürlich tragisch, weil diese Propaganda die Menschen soweit überzeugt hat, dass z.B. wenn ein russischer Film in die Kinos kommt, dann sagen die Menschen „Oh! Ein neuer russischer Film „Brestower Festung“ kam raus“. Und alle so: „Oh! Schon wieder russische Scheiße“. Das darf nicht sein. Aber wir haben den Weltinfokrieg schon verloren.

REMEMBERS: Und zuallerletzt — Was würden Sie den Menschen im Westen, also nicht nur denen in der Westukraine, sondern auch in den USA und in den EU-Ländern, unbedingt mitteilen?

Alexey: Freunde, wenn ihr den Film, der entweder „Onion movie“ oder „Wag the dog“ heißt schon mal gesehen habt: Dort sieht man, wie ein Krieg „produziert“ wird. Wie man schöne Bilder dreht, wie ein verletztes Mädchen rennt, wie ein Soldat geht… Genauso, wie ein ukrainische Soldat jetzt. Und alle Provokationen und Wolnowachowo’s — das ist alles Quatsch. Denn die Wahrheit ist hier. Und die Wahrheit liegt nicht darin, dass Koloraden, Terroristen-Separatisten angeblich schuld an all dem sind. Sondern dass man die Zivilisten in Donbass einfach vernichtet. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und man nutzt sie als Werkzeug für die Propaganda in Richtung des Faschismus.

Wenn ihr das unterstützt, dann alles Gute. Wenn ihr aber bereit seid, nachzudenken und etwas Sinnvolles zu tun, dann legt die Notebooks und den Fernseher beiseite und kommt hierher zu helfen. Das ist das, was ich euch momentan vorschlagen kann. Aber wenn ihr die bunte Süßigkeiten-Welt bevorzugt, dann wünsche ich euch viel Erfolg damit. Und man sieht sich vielleicht in ca. 50 Jahren bei McDonalds.

 

REMEMBERS: Danke für alles, Alexey. Für uns seid ihr alle «Engel». Wir wünschen euch, dass ihr eure Arbeit hier noch lange fortsetzen könnt. Wir hoffen, dass alles gut wird.

Alexey: Ich hoffe, ich werde nach diesem Interview noch lange und glücklich leben. Auf ein Wiedersehen!

REMEMBERS: Ja, auf ein Wiedersehen!

 

Anmerkungen:

1 «Himmelhundertschaft» = 100 auf dem Maidan getöteten Protestierenden werden in der modernen ukrainischen Kultur als «Himmelhundertschaft

2 «Kolorady» = dt. «Kartoffelkäfer», deren Farbe an die Sankt-Georgs-Band erinnert, welches den Kampf gegen die Faschisten symbolisiert

3 «Kiborgs» = faschistische Freiwilligenbataillone, die von den ukrainischen Medien so bezeichnet werden

4 «Motorola» = ein berühmter antifaschistischer Widerstandkämpfer in Donbass

 

Herzlichen Dank für die deutsche Übersetzung des Interviews an unsere treue REMEMBERS Seele Marina F.

 

***
P.S.: Ihr wollt uns auch helfen, das Überleben von Kindern, ihren Familien sowie von kranken und alten Menschen in Donbass zu sichern, habt jedoch unsere Winterspendenaktion verpasst? Kein Problem. Auch nach dieser Hilfstour machen wir natürlich weiter und sammeln deshalb wieder Spendengelder für unsere nächste Frühlingsspendenaktion. Für Donbass. Gegen Genozid.

Einfach hier auf “Spenden” klicken, den gewünschten Geldbeitrag eingeben, Formular ausfüllen und absenden. Alle Informationen zum aktuellen Spenden-Stand unserer Frühjahrsaktion findet ihr ab März auf unserer REMEMBERS Seite.

 

***

Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.

2 Kommentare

Comments are closed.