REMEMBERS EXKLUSIV: INTERVIEW MIT EINER ÜBERLEBENDEN (84) AUS KRAMATORSK

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Zum Internationalen Frauentag möchten wir heute unseren exklusiven REMEMBERS Beitrag einer ganz besonderen Frau widmen, die nicht nur den 2. Weltkrieg überlebt hat. Im Jahre 2014 wurde sie auch Augenzeugin des Bürgerkrieges in ihrem eigenen Land: Elena Sergeewna (84) aus Kramatorsk — einer Stadt in Donbass, die bereits seit Monaten unter der Kontrolle der ukrainischen Truppen steht. Aus Sicherheitsgründen haben wir jedoch Ihnen Namen in «Elena Sergeewna» geändert.

 

REMEMBERS: Sehr geehrte Elena Sergeewna. Alle Bewohner von Donbass werden seit 2014 von unseren westlichen Medien als „Separatisten“ bezeichnet. Somit sind Sie wohl auch eine „Separatistin“, da Sie ja in Donbass leben.

Elena Sergeewna: Oh ja! Und nur, weil ich dort lebe! So nennt man uns auch in Kiew. Dabei sind doch die echten Separatisten-Terroristen – Poroschenko, Jazenjuk und Turtschinow. Sie haben geputscht und kamen zu uns mit Waffen und auf Panzern.

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REMEMBERS: Wie beginnt und endet ein Tag im Krieg?

Elena Sergeewna: Mit Angst! Immer mit Angst! Man wacht mit Angst auf und läuft zum Fernseher, um zu schauen, was wieder eventuell passiert ist. Und dann geht man mit der Angst wieder schlafen.

 

REMEMBERS: Elena Sergejewna, Sie sind eine Einwohnerin von Kramatorsk. Wie lange leben Sie dort und warum gehen Sie nicht weg von dort?

Elena Sergeewna: Ich habe die meiste Zeit meines Lebens hier verbracht. Ich lebte zwar zwischendurch 32 Jahre in Kiew, kam aber vor ein paar Jahren zurück zu meiner Verwandtschaft. Hier habe ich meine Jugend verbracht. Hier sind meine Kinder groß geworden. Hier sind meine Eltern begraben. Und hier steht noch ihr Haus. Meine meisten Verwandten leben noch hier. Ich habe hier eine Wohnung, was das Meiste von meinem Hab und Gut ausmacht. Wo soll ich denn hin? Mein Leben ist doch hier! Wo zahlt man mir denn sonst noch meine Rente? Zwar kleine, aber immer noch ein bisschen Geld…

 

REMEMBERS: Wovor sind die Menschen aus Ihrer Stadt weggelaufen? Hat man sie verfolgt, bedroht?

Elena Sergeewna: Sie wollten leben! Was denn sonst?! Viele junge Menschen, junge Familien sind geflohen. Sie haben es ja leichter, irgendwo einen neuen Job zu finden. Aber viele sind zurückgelehrt. Oft wollten Menschen zurück zu ihren Häusern.

 
 

REMEMBERS: Viele sind also zurückgekehrt. Hat man denn jetzt das Gefühl, dass sie hier für länger bleiben werden? 

Elena Sergeewna: Wir haben ja hier nicht viel, aber das ist alles, was wir haben. Und viele von uns versuchen, unsere Häuser zu beschützen. Es ist aber auch schwierig an einem neuen Platz zu bleiben. Einige meiner Enkel sind am Anfang nach Rußland geflohen. Die Menschen dort waren so nett. Man ließ sie kostenfrei leben und man brachte ihnen Essen und Kleidung. Es war so herzig. Aber es ist nicht einfach, auch dort eine permanente Arbeit zu finden. So sind sie alle wieder zurückgekehrt. Sie haben ja hier immerhin noch Häuser.

 

REMEMBERS: Wann genau kam der Krieg zu Ihnen nach Hause? Und was denken Sie, warum?

Elena Sergeewna: Als die ukrainische Armee zu uns kam. Warum kamen sie zu uns? Wir haben sie nicht gerufen! Sie kamen zu uns, nicht wir zu ihnen! Aber warum… Das fragen wir uns auch bis heute!!! Das sollen die uns aber lieber sagen!! Wir wissen es nicht.

 

REMEMBERS: Wie nimmt die Stadt all diesen Horror seit Monaten wahr?

Elena Sergeewna: Menschen haben natürlich Angst. Und sprechen darüber nicht laut. Aber wir sehen ja, woher es angeflogen kommt. Es gibt selten ein paar Menschen, die sich laut für die ukrainische Armee in den Straßen oder Läden aussprechen. Aber die meisten reagieren nicht darauf und gehen einfach schweigend weiter. Wir wissen ja auch nicht, ob solche Menschen wirklich blind der Ukraine glauben oder ob sie so die „Separatisten“ unter uns entlarven wollen. Am Anfang, als sie hierher kamen, haben sie gläserne Urnen im Zentrum aufgestellt. Da wurden wir dazu aufgerufen, Zetteln mit den Namen von uns bekannten „Separatisten“ reinzuschmeißen. Doch die Urnen blieben leer. Die Stadt ist sehr angespannt, das merkt man. Die Stadt ist nicht mehr lebhaft, wie früher. Wir diskutieren nicht mehr auf den Straßen, so wie früher. Das sagt ja auch vieles! Auch über die Meinung der Einwohner…

 

REMEMBERS: Wie haben die Bewohner von Kramatorsk die von den ukrainischen Medien als „Befreier“ bezeichneten ukrainischen Soldaten empfangen? 

Elena Sergeewna: Gar nicht. Wir sprechen nicht mit denen! Sie laufen so arrogant durch sie Strassen, sprechen oft in ihren west-ukrainischen Dialekten. Wir sprechen nicht mit denen! Wir wollen sie hier nicht haben und wir haben Angst vor denen.

Wir haben keinen Kontakt zu denen. Aber sie sind unverschämt. Letztens haben die ukrainischen Soldaten einem Freund von mir sein Auto gestohlen. Er ist mit seiner Nichte einkaufen gefahren. Sie kamen aus dem Laden raus und das Auto war weg. Man erzählte ihm, wie die Soldaten kamen und das Auto einfach mitnahmen. Und er konnte da einfach nichts machen. Die Anzeige wird nicht mal ernstgenommen. Es gibt Gerüchte, dass sie oft Menschen beklauen, einfach in die Häuser reingehen und alles mitnehmen, was sie wollen.

 

REMEMBERS: Und wie behandelt der Widerstand die Bewohner von Donbass?

Elena Sergeewna: Hier in Kramatorsk haben wir sie kaum gesehen. Ich höre von den anderen aber immer nur Gutes über sie. Man hat unseren Donbass ja jetzt „getrennt“. Aber die Menschen haben doch noch überall ihre Verwandten und Freunde und Arbeit. Sie sind darauf angewiesen, hin und her zu fahren. So hören wir immer, was überall passiert. Aber nur von guten Freunden und nähren Verwandten. Menschen sprechen selten miteinander auf den Straßen. Es ist nicht mehr so, wie es früher mal war. Aber wir hören trotzdem so Einiges. Der Widerstand sind doch unsere Jungs. Warum sollen sie uns etwas Schlimmes antun?!

 

REMEMBERS: Die Massenmedien erzählen aber in der Ukraine sowie bei uns in Deutschland, dass der Widerstand euch tötet und eigene Positionen beschießt…

Elena Sergeewna: Das ukrainische Fernsehen ist unerträglich. Sie sagen, wir wären Separatisten, und wir wären faul, und der Rest der Ukraine würde uns durchbringen. Und dann lügen sie noch, dass der Widerstand seine eigenen Familien töten würde.

Wir selbst wissen ja, wer und wo stationiert ist. Wir sind ja aus der Region! Sie können uns hier keinen Bären aufbinden und uns erzählen, dass die Geschossen aus dem Osten kommen, während sie z.B. aus dem Kramatorsker Flughafen schießen, wo die ukrainische Armee ihren Hauptstützpunkt hat. Wenn geschossen wird, wissen wir automatisch, woher geschossen wird. Und später, im ukrainischen Fernsehen, lügen sie, dass uns die „Separatisten“ beschossen hätten. Die so genannten „Separatisten“ sind doch unsere Jungs. Warum sollen sie denn ihre eigenen Familien und Häuser beschießen?!

Ich weiß noch, als es damals Demonstrationen gegen den Putsch in Kiew gab. Da bin ich auch hingegangen. Ich habe ja auch die Life-Übertragungen von Maidan verfolgt und ich sah, wie auf einmal vermummte Menschen auftauchten und auf den Berkut und auf die Menschen schossen! Wir haben hier dagegen und für mehr Selbstverwaltung protestiert. Und am Ende haben wir dagegen protestiert, dass man die Armee zu uns schickt. Das wollten wir nicht. Ich weiß noch, wie damals junge Männer zu uns, älteren Frauen, kamen und lächelnd uns sagten „Habt keine Angst, Omas. Wir werden euch von den Ukrainern beschützen!“ Aber sie waren doch so jung! Ich hoffe, sie sind noch am Leben! (schluchzend)

 

REMEMBERS: Haben Sie eigentlich mal die russische Armee in Kramatorsk gesehen?

Elena Sergeewna: Nein! Wir haben sie nicht gesehen und wir haben nichts darüber gehört! Aber wir hören von den Greueltaten der ukrainischen Armee immer wieder! Meine Urenkelin hat 2 Familien aus Debalzewo aufgenommen. Sie erzählen auch kaum etwas, sie haben wohl Angst. Sie kennen uns ja kaum. Aber ab und zu kommt aus denen etwas raus. Sie saßen dort wochenlang im Keller, um sich von den Geschossen zu retten. Dort wurden junge Mädchen vergewaltigt und einfach so erschossen. Ein Mal stiegen bewaffnete Soldaten in einen Bus ein und schrieen „Heil der Ukraine!“. Sie schrieen ne halbe Stunde lang, und die Menschen trauten sich nichts zu sagen.

 

REMEMBERS: Wissen sie persönlich etwas über den Beschuss von Kramatorsk? Wer könnte es gewesen sein oder woher hat man geschossen?

Elena Sergeewna: Wenn es bei uns geschossen wird, dann entweder vorm Berg Karatschun, der zwischen Kramatorsk und Slawjansk liegt, oder vom Kramatorsker Flughafen. Dort ist überall die ukrainische Armee stationiert. Übrigens, sie führen fast täglich ihre Schießübungen durch, sodass ich sie fast täglich hören kann. Es ist so unheimlich, aber man gewöhnt sich dran. Wenn sie aber die Wohngegenden beschießen, dann fallen die Geschosse direkt bei mir um die Ecke runter, weil ich im Zentrum lebe.

Letztes Jahr da haben sie uns auch beschossen. Als es am schlimmsten war, war ich zum Glück in Kiew. Meine Nachbarn haben erzählt, dass sie nicht wussten, was sie machen sollten. Wir haben ja keinen Keller oder Verließ oder ähnliches weit und breit. So sind sie nachts nach unten gegangen und haben sich alle vor der Treppe versammelt. Zusammen ist es nicht ganz so schrecklich. Aber wäre ein Geschoß dort runtergefallen, wären sie alle tot. Meine Tochter erzählte auch, dass über ihrem Haus ständig Geschosse geflohen und sie hat auch kein Keller.

Natürlich war es die ukrainische Armee, für wie doof halten die uns denn? Natürlich sehen wir, woher es angeflogen kommt. Sie haben uns das letzte Mal vom Flughafen aus beschossen. Zum Glück waren die Geschosse nicht geladen, sonst hätte es noch wesentlich mehr Verletzten und Tote gegeben. Einer ist wieder bei mir um die Ecke gefallen. Und einen Tag später haben sie wieder geschossen. Und da ist ein Geschoss praktisch in den Garten von meiner Urenkelin heruntergefallen. Und im Fernsehen behaupten sie dann noch, „wir wären ein unitärer Staat“! Ich habe hier ein paar Ausschnitte aus der Zeitung mitgebracht. Sie lügen zwar, aber hier sind die Bilder und die Beschreibung von den Geschossen.

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REMEMBERS: Glaubt man hier überhaupt noch an Frieden oder die Minsker Vereinbarungen?

Elena Sergeewna: Wir glauben an keine Verhandlungen. Uns fragt ja auch keiner… Aber wir alle hoffen auf den Frieden.

REMEMBERS: Sie haben den 2. Weltkrieg überlebt. Wo liegt aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen dem 2. Weltkrieg und diesem Krieg? Was passiert momentan in Donbass: Ist es ein Krieg, die s.g. „ATO“ («Anti-Terror-Operation») oder vielleicht sogar ein Krieg mit Russland? 

Elena Sergeewna:  Natürlich ist es ein Krieg!! So viele Menschen sind gestorben. Wie kann man das als etwas anderes nennen als einen Krieg?! Und Kiew kam zu uns. Nicht wir fingen diesen Krieg an.

Natürlich unterscheidet sich das, was gerade bei uns geschieht, vom 2. Weltkrieg. Damals waren es fremde Soldaten, anderes Volk, das uns okkupierte. Aber jetzt sind es ja die eigenen Leute, die auf uns schießen. Wie kann es denn sein?! Wie sind doch das gleiche Volk!

Was ich schlimm finde ist, dass auch in Deutschland die Massenmedien verschweigen, dass wir von den Faschisten bedroht und getötet werden. Wie kann es denn im 21. Jahrhundert sein? Hat denn Deutschland nichts gelernt?

 

REMEMBERS: Der Krieg in Donbass kostete bereits 70.000 Menschen das Leben. Was hat denn die Regierung in Kiew damit schlussendlich erreicht?

Elena Sergeewna: Oh, das sollen die uns bitte sagen! Sie haben die Ukraine zerstört, Familien gespaltet und so viele Menschen sind gestorben.

Ah! Ich habe letztens gehört, dass eine Familie 3 Kinder verloren hat. Alle 3 auf einen Schlag! Ich habe die Bilder gesehen. 3 süße Kinder! Wie schrecklich ist das denn!! (schluchzend)

 

REMEMBERS: Was uns auch interessieren würde ist, wie hat sich Ihr Leben in Kramatorsk nach dem Maidan im Februar 2014 verändert?

Elena Sergeewna: Unser Leben zu den Zeiten von Janukowitsch hatte sich ein wenig gebessert. Wir haben mehr Rente und verschiedene soziale Vergünstigungen bekommen. Das ist nicht mehr der Fall. Ich kriege meine Rente zwar noch, aber die Preise sind ins Unermeßliche gestiegen. Eine Reihe von Vergünstigungen sind gestrichen worden. Poroschenko sagte letztens, dass die Ukraine keine Wissenschaftler mehr bräuchte. So haben sie auch bei uns die Schulen kostenfrei nur bis zur 9. Klasse zugänglich gemacht. Was soll denn dann aus unseren Kindern werden?..

Bei uns haben sie die Gaslieferungen gemindert. Ich habe, wie viele anderen auch, einen Gasherd. Und jetzt im Winter hat es Stunden gedauert bis ich mir einen Tee machen konnte. Ich war erkältet und es war unerträglich kalt in meiner Wohnung. Ich konnte mir aber nicht mal einen Tee machen. Warum tun sie das uns an?

Aber das ist nur eine Seite des Lebens. Was noch wesentlich schlimmer ist, dass wir jetzt ständig in Angst leben müssen. Früher konnten wir ungehindert auf der Straße mit fremden Menschen über alles Mögliche diskutieren. Manche haben sich damals sogar lauthals über Politik gestritten. Dies gehörte schon immer zu unserem Leben. Jetzt ist es aber so angespannt in der Stadt. Menschen in den Bussen und auf den Straßen, im Wartezimmer eines Arztes oder sonst wo sprechen nicht mehr miteinander. Und es herrscht eine unerträgliche Anspannung und Mißtrauen. Selbst mit entfernten Verwandten spricht man kaum mehr. Die Tochter meiner Nichte lebt in Donezk. Wenn sie mal bei uns ist, sagt sie nur, dass sie sich auch im Keller versteckte. Mehr erzählt sie aber nicht. Aber ich frage auch nicht nach. Ich verstehe, dass sie Angst bei uns in Kramatorsk hat.

Ich habe ja selber Angst. Ich habe mein Sankt-Georgs-Band, welches ich als «Kind des Krieges“ mal auf einer Gedenkfeier geschenkt bekommen habe, zu Hause versteckt. Man weiß ja nie. Und ich habe Satellitenfernsehen (im Sommer haben die Ukrainer unseren Fernsehturm auf dem Berg Karatschun zerstört und seitdem funktioniert unser Kabelempfang nicht mehr). Ich finde aber die ukrainischen Sender sowieso abscheulich. Ich schaue nur die 3 russischen Sender, die ich empfangen kann. Ich schaue sie aber leise. Denn man weiß ja nie, ob es jemand mitkriegen könnte… Ich habe mal beobachten können, wie ein junger Mann im Zug am Handy mehrmals den Namen „Motorola“ (ein berühmter Widerstandkämpfer in Donbass) erwähnte. 1-2 Stationen später kamen auf einmal Soldaten auf ihn zu und nahmen ihn fest. Vielleicht werden unsere Telefonleitungen abgehört. Ich weiß es nicht, aber ich spreche am Telefon weder mit meinen Verwandten in Deutschland noch mit meiner Freundin auf der Krim über Politik.

Und dann sehen wir ständig die bewaffneten ukrainischen Soldaten bei uns laufen. Sie sehen so eingebildet aus. Sie denken wohl, dass sie uns beschützen würden. Aber vor wem? Wir wollen sie bei uns gar nicht haben. Wir sprechen nicht mit denen. Sie bringen unsere Jungs um. 

 

REMEMBERS: Werden die Renten und andere soziale Leistungen in Kramatorsk ausgezahlt?

Elena Sergeewna: Ja, ich kriege meine Rente noch und noch ein paar Vergünstigungen. Aber ein paar wurden schon gestrichen. Die Preise steigen ständig. Bald werde ich mir nicht mal Essen leisten können.

Aber die armen Menschen aus der DNR und LNR… Sie kriegen dort keine sozialen Leistungen ausgezahlt, auch die Renten nicht. Sie müssen zu uns fahren und bei uns die entsprechenden Anträge stellen. Es ist aber eine aufwendige bürokratische Angelegenheit. Sie müssen von einer Verwaltungsstelle zur anderen laufen. Und dann stehen sie noch stundenlang bei den Geldausgabestellen an.

 

REMEMBERS: Elena Sergejewna. In der Ukraine fanden im Jahr 2014 Parlamentswahlen statt. Und in Donbass — ein Referendum. Sind Sie zu diesen Wahlen gegangen? Wenn ja, für wen haben Sie damals Ihre Stimme abgegeben?

Elena Sergeewna: Ich war beim dem Referendum in Donbass. Unsere Region war einst die Reichste in der Ukraine. Unserer Boden hat ja so viel zu bieten: Erz, Kohle, Silber, Gold, Gas. Nicht umsonst wird sie als Bergarbeiterregion bezeichnet. Hier haben die Menschen ihr leben lang gearbeitet, aber das Geld ist immer nach Kiew geflossen. Dort haben sie gebaut und gebaut… Und hier in der Region ist alles so veraltert. Unsere Region mußte das hart erarbeitete Geld ans Finanzzentrum weitergeben. Aber hier ums Geld für die Verwaltung betteln. Das geht doch nicht. Deshalb haben wir hier dagegen protestiert. Und auf dem Maidan waren auch unsere Jungs und sie haben sich auch für mehr Selbstverwaltung ausgesprochen. Aber man hat uns nicht zugehört. Und als Maidan blutig endete und wir hier protestierten, hörte man uns auch nicht zu. Sie haben in Kiew uns als „Separatisten“ und „Faulpelze“ bezeichnet. Uns, die Arbeiterregion!!

Unsere Jungs haben das Referendum selber organisiert. Überall in den Läden hingen Zettel mit der Information, wo man zum Referendum gehen konnte. Ich bin dahin gegangen. Da waren unsere Polizei und unsere bewaffnete Jungs. Sie haben für Ordnung gesorgt. Sie waren sehr nett und höfflich. Ich habe für mehr Autonomie gestimmt, aber noch als Bestandteil in der Ukraine, weil es noch nicht klar war, was in Odessa und in Mariupol passiert war. Ich habe damals mit meinen Freunden gesprochen. Wir wollten alle mehr Selbstverwaltung für Donezker Gebiet. Aber wir dachten noch nicht daran, uns von der Ukraine trennen zu wollen. Aber jetzt will ich nichts von der Ukraine wissen! Jetzt möchte ich, dass wir uns als Noworossia von der Ukraine trennen. Und am liebsten wünsche ich mir, dass wir sogar wieder ein Teil von Russland werden.   

Die ukrainischen Präsidentschaftswahlen hatten wir hier nicht. Wir haben Poroschenko nicht gewählt. Er ist nicht unser Präsident!! Eine Bekannte hat mir aber erzählt, dass bei ihr, in der Verwaltung eines Klubs für die Freizeitaktivitäten für Rentner, kurz vor den Wahlen, vermummte und bewaffnete Menschen reingestürmt sind. Sie wollten Namenslisten von den Teilnehmern haben. Sie dachte, sie könnten eventuell für gefälschte Stimmzetteln verwendet werden.

 

REMEMBERS: Und was halten Sie eigentlich davon, dass die Krim nicht mehr ein Teil der Ukraine ist?

Elena Sergeewna: Oh ich begrüße es sehr. Ich haben früher dort meine Verwandten oft besucht. Und jetzt habe ich auch eine Freundin dort. Ich weiß, dass die Bewohner dort schon immer ein Teil von Rußland werden wollten. Die meisten, die dort leben, sind ja Russen. Ich bin Ukrainerin, aber ich kann sie sehr gut verstehen. Und ich liebe Rußland auch. Mein Mann war Russe. Ich und meine Kinder sprechen auch Russisch als Muttersprache. Und die ukrainische Politik momentan ist nicht zu ertragen. Warum wollen sie denn uns — die verschiedenen Nationen — gegeneinander bringen? Wir waren doch immer und sind immer noch Brüdervölker.

 

REMEMBERS: Wie wir Sie verstanden haben, wollen Sie also nicht (mehr), dass Donbass wieder ein Teil der Ukraine wird, oder?

Elena Sergeewna: Nein! Auf gar keinen Fall! Als die Ukrainer zu uns kamen, hatten sie viele Hauswände, Pfähle und Zäune in Blau-Gelb gestrichen — die Farben der ukrainischen Flagge. Letztens kam ich an einer solchen Wand vorbei und sah, dass jemand eine rote Farbe darüber gespritzt hatte. Ich blieb davor stehen, weil es für mich so aussah, als ob die ukrainische Flagge mit Blut bespritzt wäre. Ich dachte mir „Genau so ist es ja auch“! Die Ukraine hat sich mit Blut übergossen. Ich mag die ukrainische Flagge und die anderen ukrainischen Symbole nicht mehr. Sie wecken jetzt nur negative Gefühle in mir. Ich wünsche mir, dass Donbass sich endlich befreit und als Noworossia weiter leben und sich entwickeln kann. 

 

REMEMBERS: Sie wünschen sich also ein Leben in Noworossija. Heißt es, dass Sie die Idee der Donezker und Lugansker Volksrepubliken von der Errichtung eines eigenen Staates «Noworossija» gut finden?

Elena Sergeewna: Ich finde die Idee sehr gut! Wir sollen unser Gebiet von den Ukrainern befreien! Und ich hoffe, dass wir danach ehrliche Menschen im Parlament sitzen haben, sodass unser Donbass wieder aufleben kann.

 

REMEMBERS: Oder möchten Sie sogar, dass Donbass lieber ein Teil von Russland wird?

Elena Sergeewna: Oh ja, sehr sogar! Ich liebe Rußland. Wir haben ja auch so gut damals mit Russen zusammen gelebt. Wir haben die gleiche Kultur, wir sprechen die gleiche Sprache und haben die gleichen Vorstellungen über das Leben.

 

REMEMBERS: Haben Sie eigentlich noch Freunde oder Verwandten in der West-Ukraine? Wenn ja, wie sieht ihre Beziehung zu Ihnen aus? Haben sie Mitleid mit Ihnen, helfen sie Ihnen?

Elena Sergeewna: Nein. Ich hatte mal einen Cousin vor hm… 70-60 Jahren. Er war Lehrer, ein netter Mensch. Damals schickte man Menschen wie ihn, also Lehrer und Ärzte, in die Westukraine, um den Menschen dort eine Bildung und Versorgung zu bieten. Die Bandera-Anhänger waren damals aber noch im Untergrund tätig und sie haben damals viele „neue Bewohner“ umgebracht. Sie haben auch ihn umgebracht… Mit Harke erstochen. Und er war soooo ein netter Mensch… 

Aber ich habe Bekannte in Moskau, und sie haben Verwandte in der Westukraine. Alle gebildete Menschen. Ihre Verwandten sind auch sehr gebildet, sie sind beide Dozenten an einer Universität dort. Sie waren früher gut befreundet. Sie (die Westukrainer) haben mehrmals Urlaub bei ihren Verwandten in ihrer Urlaubswohnung auf der Krim gemacht. Und jetzt haben sie sie am Telefon für alles in der Politik verantwortlich gemacht und haben sie noch als „Moskals“ (Ein Schimpfwort für Russen) beschimpft.

Ach! Was sprechen wir eigentlich über die Westukraine. Ich habe ja 32 Jahre in Kiew gelebt. Als ich letztes Jahr ein paar Tage in Kiew bleiben wollte (und da hat der Krieg schon angefangen), habe ich erstmal bei einer Freundin zu Hause übernachtet. Allerdings nur für ein Tag. Sie hat mit mir geschimpft. Ich bat sie, nicht über die Politik zu reden, aber sie fing immer wieder damit an. Sie sagte, wir, in Donbass, wären alle faul und Kiew muß uns noch finanziell aushalten. Und jetzt muß Kiew noch mit uns, Banditen, kämpfen. Dann bin ich gegangen.

Ich habe noch andere Bekannte in Kiew. Sie haben Verwandte in Donbass, nicht weit von mir. Sie glauben aber ihren Verwandten nicht. Sie sagen „Was erzählt ihr uns? Ihr werdet nicht von der ukrainischen Armee beschossen. Unsere Armee ist gut und ihr seid Zombies“.      

 

REMEMBERS: Wie schnell wird es möglich sein, die Situation in der Ukraine lösen zu können?

Elena Sergeewna: Das weiß ich nicht. Es scheint uns, dass der Krieg noch andauern wird. 

 

REMEMBERS: Hat die Ukraine überhaupt noch eine Zukunft, Ihrer Meinung nach? Und was wünschen Sie Ihrer Heimat Donbass?

Elena Sergeewna: Ich glaube, sie zerfällt oder bleibt eine Kolonie der USA. Ich hoffe aber, dass unsere Jungs sie alle bald außerhalb der Grenzen von Donbass zurückdrängen werden.

Und für Donbass wünsche ich mir, dass der Krieg endlich beendet wird! Die Unabhängigkeit oder Anschluß an Rußland, Prosperität, Blüte und gutes Leben! Das wünsche ich uns allen. 

 

REMEMBERS: Wünschen Sie auch „Ihrem“ Präsidenten Poroschenko etwas «Schönes»?

Elena Sergeewna: Verrecken soll er!!! Oder nein: Ich will ihn lieber auf der Gerichtbank sehen!! Ihn und Jazenjuk, Turtschunow und all die anderen! Ich will sehen, wir sie verurteilt werden. Wie damals, beim Nürnberger Prozess.

 

REMEMBERS: Wir kommen langsam zum Schluss unseres Gesprächs und würden noch gerne von Ihnen wissen, ob Sie eventuellen den Menschen bei uns in Deutschland etwas sagen möchten?

Elena Sergeewna: Ich wünsche den Deutschen eine echte Demokratie. Dass sie endlich eine Möglichkeit haben, ihre eigene Meinung auf der Basis der wahren Information und Nachrichten bilden zu können.

 

REMEMBERS: Vielen Dank für Ihren Mut, mit uns über die Wahrheit zu sprechen, liebe Elena Sergeewna. Bleiben Sie uns bitte gesund. Die Gerechtigkeit wird auf jeden Fall siegen. Man darf nur nicht aufgeben, daran zu glauben.

Elena Sergeewna: Das wünsche ich mir auch. Und ich möchte mich auch bei all den Menschen in Deutschland und anderen Ländern bedanken, die uns und Donbass helfen. Egal, in welcher Form. Es tut gut zu wissen, dass uns nicht die ganze Welt vergessen hat.

Exklusiv-Beitrag @Marina F. & REMEMBERS 

Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.

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