«WOFÜR HABE ICH GEKÄMPFT, HERR OBERST?»

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«WOFÜR HABE ICH GEKÄMPFT, HERR OBERST?»
Der neue Krieg: Ukraine gegen Veteranen

Jeder 5. Bürger in der Ukraine lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die Lage der Veteranen des Großen Vaterlandkrieges ist besonders katastrophal.

Der Durchschnittsalter der Veteranen ist 88 Jahre. Ihre Hauptfeinde sind Krankheiten, Altersschwäche, Einsamkeit und die erniedrigenden ungeregelten Lebensbedingungen. Insgesamt leben in der Ukraine ca. 2 Millionen Kriegsveteranen. Davon sterben jedes Jahr 150-200 Menschen. Sie gehen für immer fort und nehmen alle ihre Erinnerungen mit. Alle Werte der Sieger und den Stolz der Befreier des Europas vom Faschismus 1945.

Doch heute erleben die Kriegsveteranen in der Ukraine ihren zweiten, ungeheuren Krieg. Wenn sie vor 70 Jahren voller Kraft und Siegeswillen ihrem Feind ins Gesicht gesehen haben, sind sie heute schutzloseste Opfer der beispiellosen Tragödie des Landes.

Im II. Weltkrieg haben sie das Leben anderer Menschen auf eigene Kosten gerettet. Und somit auch das Leben derjenigen, die heute einen Krieg gegen das eigene Volk führen und die Wohn- und Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten von Donezk und Lugansk bombardieren.

 

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Einfach ausgetauscht: Werte des Sieges gegen Werte des Faschismus

Wenn die Kriegsveteranen früher ein Heiligtum für das Land waren, welches Europa vom Faschismus befreite, leben sie heute, v.a. in den Kriegsgebieten, nicht nur in Armut, sondern auch in ständiger Angst, da sie einer direkten Gewalt seitens ukrainischer Armee ausgesetzt sind.                  

„Im Ort Losowoje schlugen die betrunkenen Soldaten des 34. Bataillons der territorialen Verteidigung „Batkiwschina“ («Vaterland») aus Kirowograder Gebiet einen Kriegsveteranen in seinem Haus zusammen und nahmen seine Auszeichnungen des II. Weltkrieges mit.“ Solche Nachrichten, wie diese, sind heute leider keine Seltenheit mehr.

Im Bericht eines Blogers wird mitgeteilt, dass „der Obelisk auf dem Hügel Saur-Mogila zerstört ist. Das ist ein Wallfahrtsort der Veteranen des Großen Vaterkrieges im Donbass gewesen. Laut Augenzeugenberichten ist das 9 Meter hohe Denkmal des Soldaten, mit dem über den Kopf erhobenen Maschinengewehr, eingestürzt. Von dem Soldaten ist nur noch ein Bein übriggeblieben. Die Bruchstücke sind weit zerstreut. Die Pylonen und die Flachreliefs sowie der 36 Meter hohe Obelisk sind sehr beschädigt. Während des 2. Weltkrieges war dieser Hügel ein Ort, wo die blutigen Gefechte zwischen der Sowjetarmee und den Faschisten stattgefunden haben. Dabei sind auf beiden Seiten Dutzende Tausend von Soldaten ums Leben gekommen.“

Dieses Ereignis ist tragisch und symbolisch zugleich. Denn wenn ein Land seine Denkmale zerstört und damit seine Wurzeln ablehnt, eigene wahre Geschichte aus dem Herzen löscht, die echten Helden stürzt und die Mörder der jüngsten Zeit zu den Helden macht, dann kann dieses Land nichts Neues auf einem harten Fundament aufbauen.

Der hohe Preis der ukrainischen «Unabhängigkeit»: Menschenleben

Doch wie konnte das überhaupt in einem Land passieren, welches Millionen von Menschen im Krieg verloren hat?

Und wie konnte es im XXI. Jahrhundert geschehen, dass in der Heldenstadt Odessa am 2. Mai 2014 im Gewerkschaftshaus (laut offiziellen Angaben) 50 Menschen, Andersdenker und Mitglieder der Gesellschaftsbewegung „Kulikovo Pole», am lebendigen Leibe verbrannt wurden?

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat darauf eine eigene Antwort:

„Odessa hat einen hohen Preis dafür bezahlt, damit wir heute sehen können, was geschieht, wenn wir damals die Versuche der Separatisten hier nicht gestoppt hätten… Momentan ist Odessa eine proukrainische Stadt geworden. Die russischen Medien nennen Odessa eine „Bandera-Stadt“. Es gibt aus meiner Sicht kein besseres Kompliment“,- erklärte Poroschenko am 23.10.2104 in Odessa, während seiner Agitationsreise vor den Wahlen in die Werchownaja Rada.

Den hohen Preis hat auch das gesamte Land bereits bezahlt. Mit Tausenden von Toten, mit zerstörter Infrastruktur, mit mehr als einer Million Flüchtlingen.

 

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens: Kriegsveteran Mykola in Odessa

Der Kriegsveteran Mykola Iwanowitsch Skalewskej gibt jedoch bis heute nicht auf. Er macht noch einen letzten, verzweifelten Versuch, an einer geschlossenen Tür zu klopfen. In der Hoffnung, dass man ihn hört. Denn er will den ukrainischen Präsidenten an seine Versprechungen erinnern, die ihm Poroschenko einst persönlich gegeben hat.

Auf die Frage des Polizisten, ob der Kriegsveteran auf jemanden wartet, antwortete Mykola Iwanowitsch:

„Ich warte auf den Präsidenten. Er hatte mir am 20. Mai gesagt: „Ich helfe Ihnen“. Deshalb warte ich auf ihn und will ihn fragen, ob er mir hilft oder ob er mich belogen hat. Wenn er mir in die Augen schaut…“

Der Polizist fragte, wo er wohne. Der Mann antwortete:

„Ich bin obdachlos, Invalide ersten Grades. Meine Tochter ist vor 21 Jahren nach Tschernobyl gestorben. Und wir, zwei alte Menschen, ich und meine Frau, sind noch am Leben. Meine Frau ist auch schwerbehindert. Ich lebe auf dem Bahnhof. Manchmal laden mich gute Menschen ein. Eine Frau sagte: „Mykola Iwanowitsch, du kannst bei mir übernachten, ich gebe dir Stück Brot, du hast doch für mich im Krieg gekämpft.“ Ja! Ich habe im Krieg gekämpft! Ich habe doch in der Blutlache gelegen! Meine Hand wurde abgerissen, mein Bauch wurde zerfetzt, ich habe zwei Löcher im Kopf, mein Bein wurde abgetrennt…Wofür habe ich gekämpft, Herr Oberst, sag mir mal, wofür!?“

Und inzwischen wird der ukrainische Präsident mit einem Applaus in dem warmen und prachtvollen Staatlichen Opern- und Balletttheater von Odessa begrüßt. Mit seinen Wählern hier ist Herr Poroschenko besonders freundlich und liebenswürdig.

„Ich freue mich, euch alle wieder zu sehen! Ich liebe euch alle! Ich danke euch für diese Atmosphäre…Wir werden besprechen, wie wir die Zukunft unserer Stadt gestalten“,- sagte er bei der Begrüßung und fügte vorsichtshalber liebedienerisch noch eine rhetorische Frage hinzu: „Ich darf doch zu dieser Stadt auch „unsere“ sagen, meine Lieben, oder?“

Er verspricht dabei, zu erklären, was man tun muss, um „die Gefahren abzuwenden“ und „wie man die Ukraine zu so einem Land aufbaut“, von dem alle ukrainischen Bürger heute „träumen“.

Sein Freund und Kollege, der Vize-Premierminister Wladimir Groisman, der für die Entwicklung des größten Blocks der Reformen im Land («Strategie 2020“) verantwortlich ist, erklärt pathetisch über sein Konzept der Dezentralisierung der Staatsmacht :

„Wenn wir über die Dezentralisierung sprechen, ändern wir zweifellos dieses System. Und es geht darum, dass nicht die Staatsmacht den Druck auf den Menschen ausübt, sondern die Menschen wählen ihre Staatsmacht. Der Staat bekommt damit folgende Instrumente: Befugnisse, Finanzen und natürlich Verantwortung für jeden von euch… Es war immer erforderlich, verständnisvoll für die Probleme der Menschen da zu sein. Ich sage immer: „Ich kann einen Fehler verzeihen, aber nicht die Gleichgültigkeit!“

Richtige Worte werden ausgesprochen. Doch was ist mit den Taten?

Der Kriegsveteran Mykola Iwanowitsch hat in der Kälte anscheinend jede Hoffnung verloren, gehört zu werden. Er hat kein zweites Leben zu erwarten, bis die richtigen Worte in die Tat umgesetzt werden. Deshalb wendet er sich schließlich an den Kameramann und fragt ihn, völlig verzweifelt, mit einer zitternden Stimme:

„Können Sie die Wahrheit erzählen? Wenn Sie das nicht können, wann wird dann unser Land endlich die Wahrheit sagen? Wann? Wann werden wir „richtig“ leben können? Wann werden wir an unsere Staatsmacht glauben? Wann wird unsere Regierung uns sehen?..Schreib mal…Schreib: der Kriegsinvalide ersten Grades aus dem Gefecht, ohne Hände, ohne Füße, ohne Kopf und ohne Bauch! Ich habe nichts! Wortwörtlich — nichts!! 20 Jahre lang versuche ich, eine Wohnung zu bekommen! Ich bin obdachlos! Meine Frau ist die Schwerbehinderte ersten Grades und wir werden wie Hunde hin und her gejagt… Skalewkej Mykola Iwanowitsch, 26. Jahrgang, Invalide ersten Grades vom Gefecht A!“

Dann ging er auf seinen Platz zurück, da er kein anderes Zuhause hat außer unter dem freien Himmel.

 

Wir haben große Bedenken, dass die Stimme von Mykola Iwanowitsch, genau so wie von vielen anderen Veteranen, die den ukrainischen Boden schon einmal von den Faschisten geräumt haben, gehört wird. Womöglich werden all diese Menschen auf ihre einzige Frage „Wofür habe ich im Krieg gekämpft, Herr Oberst?“ nie eine Antwort bekommen. Jedenfalls nicht mehr in diesem Leben.

 

Quellen:

http://donbass.center/news/1474-pyanye-kirovogradskie-karateli-izbili-i-ograbili-veterana-vov.html

http://ruposters.ru/archives/9346

 http://www.pravda.ru/news/world/formerussr/ukraine/24-10-2014/1232669-odessa-0/

http://economics.lb.ua/state/2014/11/25/287139_kazhdiy_pyatiy_chertoy_bednosti.html

http://society.lb.ua/life/2012/05/09/149987_ukrainskih_veteranov_vov_ostalos.html

http://mediarupor.ru/blog/43869383699/Razrusheno-mesto-palomnichestva-veteranov-Velikoy-Otechestvennoy

 

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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.