ZWISCHEN KRIEG, HILFSGÜTERN UND BÜROKRATIE: ERLEBNISBERICHT (1) ÜBER UNSERE SCHULSPENDENAKTION

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Sowohl in Russland als auch in Donbass war gestern einer der bedeutendsten Feiertage des Jahres: Tag des Wissens und somit für alle großen und kleinen Kinder der offizielle Glücksstart ins neue Schuljahr.

Für uns persönlich ist der 1. September 2015  jedoch ein Tag, an dem unser Wunsch, den Kindern in Donezk und in Perwomajsk pünktlich zum Schulstart eine kleine Schulfreude bereiten zu wollen, leider nicht in Erfüllung gegangen sind. Jedenfalls nicht in DER zeitlichen Form, wie wir es beim Organisieren unserer Schulspendenaktion im Vorfeld geplant hatten.

Denn wir stecken leider fest — im wahrsten Sinne dieses Wortes. Und zwar in Rostow am Don — direkt an der Grenze zwischen Russland und Noworossija. Und das bereits seit dem 27. August.

Was haben wir in diesen letzten 6 Tagen nicht alles versucht, um mit unserem Hilfskonvoi, angefüllt mit Schulhilfsgütern, über die russische Grenze zu kommen. Von allen Seiten, die es in diesem Gebiet gibt. Mit Hilfe aller Menschen, die wir persönlich kennen und nicht kennen — ob in Russland oder in Donbass, ob auf privaten oder offiziellen (Um)Wegen. Mit allen nötigen und unnötigen Papieren in der Hand — von der detaillierten Zertifizierung aller unserer Hilfsgüter über sämtliche Rechnungen für die von uns in Russland erworbenen Güter bis hin zum offiziellen Hilferuf an die Entscheider.

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Überweisung unserer Spendengelder an das Moskauer Unternehmen, wo wir alle unsere Schulhilfsgüter erworben haben: 320x Schulrucksack + 320x 30-teiliges Schulutensilien-Set + 320x Organiser-Box für insgesamt 761.600 Rubel (10.061,44 Euro entsprechend dem aktuellen Kurs):

 

Selbst das Russische Ministerium für Katastrophenschutz («МЧС») im Gebiet Rostow am Don, über welches alle humanitären Hilfsgüter von Russland aus nach Donbass kommen, wollte uns entgegen der Bedürfnisse der Schulkinder von Donbass und unserer freiwilligen Schulmission einfach nicht durchlassen. Das Einzige, was sie uns anboten, war, unsere Hilfsgüter in ihre LKW’s umzuladen. Dies hätte jedoch den Verlust jeglicher Kontrolle unsererseits darüber bedeutet, wann, wo, wie und ob überhaupt unsere Spende überhaupt dort ankommt, wo sie bereits seit Tagen sehnsüchtig erwartet wird: Vorerst im Kulturzentrum von Donezk, danach in Perwomajsk. Denn für die für uns so notwendige Berichterstattung seien sie einfach nicht zuständig, so O-Ton «МЧС», Rostow.

Wo auch immer wir wieder versuchten, durchzukommen, schickte man uns erneut zu «МЧС». Doch diese Alternative kam für uns einfach nicht in Frage, da wir seit dem Start unserer gesamten Spendenaktion nicht nur die Verantwortung für eure Spendengelder, liebe REMEMBERS und Donbass Freunde, tragen, sondern auch für das Wohl der Kinder, die seit Tagen auf ihre Geschenke aus Deutschland warten.

Bis gestern Abend konnten wir es einfach nicht begreifen, warum unsere Hilfsgüter bis heute nicht durchgelassen werden. Hilfsgüter, die dank eines so großartigen Spendeneinsatzes der deutschen Bevölkerung in so kurzer Zeit gesammelt werden konnten und von unseren Partnern in Russland erworben wurden. Hilfsgüter, für deren Überführung wir alle erdenklichen Papiere in der Hand hatten. Hilfsgüter, die bereits am Sonntag, den 30. August, den Kindern in Donezk offiziell überreicht werden sollten.

Am 1. September wandten wir uns nochmals telefonisch an den stellvertretenden Leiter des Russischen Ministeriums für Katastrophenschutz in Rostow am Don. Mit der Bitte, uns die entstandene Situation aus seiner offiziellen Sicht zu erklären. Woraufhin wir eine für uns sehr überraschende Antwort erhielten:

Nicht einmal das Ministerium ist im Stande, uns durchzulassen, da sich unsere Hilfsorganisation in Deutschland befindet, wo auch die Spenden gesammelt wurden. Dass wir unsere Hilfsgüter in Russland erworben haben, war an dieser Stelle leider bedeutungslos. In allen anderen Fällen der aus Russland stammenden Hilfe ist natürlich das «МЧС» dafür zuständig, das Go für den Grenzübertritt zu erteilen. Ein anderer aktueller Fall, in dem Griechenland einen Hilfskonvoi nach Donbass schickte und welcher passieren durfte, ist laut dem stellvertretenden Leiter des Ministeriums ein «politischer Schritt», den Russland im Sinne der Donbass Bewohner genehmigt hat.

Nachfolgend ist die Telefonnummer der betreffenden Stelle aufgeführt, an die wir uns gestern aus der Not heraus gewandt haben. Für alle, die sich über den aktuellen Stand an der Grenze selbst vergewissern wollen: +7 (863) 267 47 73

 

Und nun haben wir endlich Klarheit:

Ende Juni diesen Jahres ist in der Volksrepublik Donezk ein neues Gesetz in Kraft getreten: Alle internationalen Hilfsgüter für Donbass bedürfen einer gesonderten Akkreditierung, die — nach strenger Prüfung der jeweiligen ausländlichen Hilfsorganisationen — speziell von der Regierung der Volksrepublik ausgestellt wird. Dafür wurde am 29.06.2015 ein Sonderkomitee — das s.g. «Committee of Accreditation Humanitarian Missions»  — in der DVR gegründet.

Folgend die offizielle Anordnung des Ministerpräsidenten der Volksrepublik Donezk, Aleksand Zaharchenko, über das neue Gesetz und die Gründung des o.g. Komitees:

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Der Grund dafür soll u.a. der blühende Schwarzhandel mit humanitären Hilfsgütern sein, der mittlerweile von kriminellen Banden in Donbass betrieben wird (und der mit allen Mitteln verhindert werden muss). Leider geschieht dies auf Kosten der Zivilbevölkerung, die in diesen heißen Zeiten des Bürgerkrieges und aufgrund humanitärer Blockade seitens Ukraine auf jede noch so kleine Hilfe mehr als angewiesen ist. Ja, Freunde. Auch im Krieg oder besser gesagt insbesondere im Krieg gibt es Menschen, die sich auf Kosten Notleidender bereichern und den Kriegszustand zum Business machen. Leider.

Von der Existenz des o.g. Sonderkomitees haben wir über unseren Partner in Donezk, Vladislav Brig, erfahren. Brig ist ein renommierter, politischer Repräsentant der Volksrepublik Donezk, der uns von Anfang an bei der gezielten Auswahl unserer kleinen Empfänger sowie bei der Organisation der Verteilung unserer Hilfsgüter an die besonders notleidenden Kinder der Hauptstadt unterstützt hat. Doch auch ihm war bis dato nicht bekannt, dass das Komitee seine Arbeit bereits offiziell aufgenommen hat. Seit dessen Gründung soll unser Hilfsgüterkonvoi der erste sein, der aus dem Ausland (Russland exklusive) kommt. Zudem handelt es sich bei unseren Sachspenden um Neuware, was zusätzliche Komplikationen bei der Überführung mit sich bringt.

In ähnliche Schwierigkeiten geriet laut Brig vor Kurzem auch das humanitäre Bataillon «Gumbat Novorossia» von Pawel und Ekaterina Gubarew. Auch ihr aus Russland kommender Hilfskonvoi aus Russland nach Donezk wurde aus ihm unverständlichen Gründen plötzlich nicht über die Grenze gelassen. Daraufhin haben sie den Weg über das Russische Ministerium für Katastrophenschutz gewählt und alle ihre Hilfsgüter in die LKW’s von «МЧС» umgeladen. Doch bis heute fehlt von diesen jede Spur.

Aktuell sind wir dabei, uns akkreditieren zu lassen — mit Unterstützung von Vlad Brig Da wir jedoch nicht wissen, wie lange solch eine Prozedere dauert und wir keine Zeit mehr verlieren wollen, haben wir parallel dazu einen zweiten Weg eingeschlagen. Und zwar in enger Zusammenarbeit mit der humanitären Bewegung «Novorossia» (OD Novorossia). Mit Hilfe unserer russischen Freunde und Partner von «OD Novorossia» werden in den kommenden Tagen unsere Hilfsgüter von Rostow am Don nach Donezk gebracht. Aber auch diese Reise unserer Hilfsgüter werden wir natürlich persönlich begleiten. Denn sicher ist bekanntlich immer sicherer. Sobald wir unser Ziel endlich erreicht haben, werdet ihr dies selbstverständlich als Erste von uns erfahren. Bis es jedoch soweit ist, bitten wir euch um Verständnis und bedanken uns noch einmal herzlich für eure Unterstützung und eure Geduld.

Als kleines Dankeschön für eure Geduld möchten wir euch einen Blick hinter die Entstehungskulissen von REMEMBERS gewähren. In Form eines aktuellen Beitrages von RT Deutsch. Über uns und unsere Spendenaktion, inklusive eines Interviews mit der Gründerin unserer Aufklärungs- und Spendeninitiative (ab 2:20 min):

 

Und hier möchte euch Vladislav Brig — der Abgeordnete des Volksrates der DVR und unser Partner in Donezk — die aktuelle Lage in Donbass persönlich erzählen:  https://remembers.achtungpartisanen.ru/offizielle-ansprache-von-vladislav-brig-dvr-an-alle-remembers-bericht-2-schulspendenaktion/

Doch trotz all den Steinen, die uns aktuell vor Ort im Wege liegen, können wir euch, liebe REMEMBERS, schon heute eines versprechen: Unsere Schulkinder — sowohl in Donezk als auch in Perwomajsk — werden in diesem Jahr ihr 1. September einfach 2 Mal feiern. Sobald unser Hilfskonvoi endlich sein Ziel erreicht hat. Egal, wie viele weitere schlaflose Nächte wir und unsere Partner aus Russland und Donbass aufgrund unvorhersehbarer Situation am Grenzübergang noch erleben werden müssen.

 

Der Aktionshintergrund & Status Quo des Spendenmarathons:

 

– Aktionsstart:

(1) https://remembers.achtungpartisanen.ru/gemeinschafts-spendenmarathon-deutschland-macht-den-schulanfang-in-donbass/

 

– Die ersten Schritte ans Ziel und darüber hinaus:

(2) https://remembers.achtungpartisanen.ru/schulspenden-marathon-deutschland-donbass-die-ersten-schritte-ans-ziel/

(3) https://remembers.achtungpartisanen.ru/bis-ans-ziel-darueber-hinaus-status-quo-2-schulspenden-marathon/

(4) https://remembers.achtungpartisanen.ru/noch-4-tage-vorm-ziel-bereits-ueber-21-000-euro-zum-schulstart-in-donbass/

 

– Abschluss-Bericht Spendensammlung (Stand: 25. August, wird demnächst aktualisiert, da nach dem offiziellen Aktionsschluss am 23. August noch weitere Spenden dazu kamen):

(5) https://remembers.achtungpartisanen.ru/note-1-in-solidaritaet-deutschland-spendet-ueber-28-000-euro-zum-schulstart-in-donbass/

 

 

REMEMBERS Erfolgsberichterstattung im Gesamtüberblick:

Winterspendenaktion 2014/2015

 

Erfolgsbericht Nr. 1:

Auflistung aller Spendeneinnahmen & Planung erster Schritte

 

Erfolgsbericht Nr. 2:Lebensmitteleinkauf & Vorstellung der Zielorte unseres Hilfskonvois

 

Erfolgsbericht Nr. 3:

Persönliche Übergabe der Überlebenspakete an die Bewohner von Nikischino & Chernuhino

 

Erfolgsbericht Nr. 4:

Interview mit Alexey Smirnov – unserem Partner in Donbass

 

Erfolgsbericht Nr. 5:

REMEMBERS bringen 7,5 Tonnen Mehl nach Perwomajsk

https://remembers.achtungpartisanen.ru/remembers-bringen-75-tonnen-mehl-nach-perwomajsk/

Frühjahrsspendenaktionen 2015:

Remembers spenden Hoffnung an Anna Tuf aus Gorlowka
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Wir vergessen nichts.
Wir verzeihen es nie.